Der Doktor der »Rotos«

(Neues Deutschland vom 26.06.2008)
Heute vor 100 Jahren wurde Salvador Allende geboren
Von Johnny Norden
August 1970. Es ist ein kühler, aber sonniger Wintertag in der chilenischen Bergarbeiterstadt Lota. Etwa 100 Frauen und Männer sind am Plaza de Armas versammelt. Der Mann auf dem wackligen Rednerpodest hat nichts Außergewöhnliches an sich, stämmig, von mittlerem Wuchs, mit Hornbrille und in einem einfachen, aber gut sitzenden Anzug scheint er ein Mann mäßigen Wohlstands zu sein. Die Menschen hören ihm aufmerksam zu. Der Präsidentschaftskandidat der chilenischen Linksbewegung »Unidad Popular« spricht die Sorgen und Wünsche der »Rotos« aus, der Unterprivilegierten des Landes. Sie kennen ihn. Salvador Allende tritt jetzt schon zum vierten Mal als Präsidentschaftskandidat der Linken an. »Wir werden Chile denen zurückgeben, denen das Land gehört. Wir werden eine revolutionäre Regierung bilden, um endgültig die imperialistische Ausbeutung zu beseitigen, die Monopole abzuschaffen, eine tief greifende Agrarreform durchzuführen, den Außenhandel zu kontrollieren und die Banken zu nationalisieren. Wir werden uns auf den Weg zum Sozialismus begeben, ohne Bruderkrieg und Blutvergießen. Un socialismo con vino y empanadas«, ruft der Doktor aus. Vier Wochen später ist er gewählt.

Das Ziel

Allende und die Unidad Popular verstanden die Präsidentschaft nicht als Selbstzweck und Endziel, sondern als ein Mittel, um die ökonomischen Grundlagen zu beseitigen, auf denen die Klassengesellschaft errichtet ist. Jetzt hatte die chilenische Linke die Möglichkeit ein Experiment zu starten, das in der Geschichte ohne Beispiel war: Auf der Grundlage einer gewonnenen Präsidentenwahl und im Rahmen der Verfassung eines bürgerlich-demokratischen Staates den Übergang zum Sozialismus zu vollziehen.

Salvador Allende, geboren am 26. Juni 1908 in Valparaíso, ist in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen, deren Mitglieder auf ihr gesellschaftliches Engagement stolz waren. Maßgeblich prägen sollte ihn in jungen Jahren seine Bekanntschaft mit dem Schuster Juan Demarchi, ein italienischer Anarchist, der seine Werkstatt in der Nähe des Hauses der Allendes hatte. Er lehrte den aufgeweckten Gymnasiasten das Schachspiel und eröffnete ihm die Welt der sozialen Utopien, der Klassenkämpfe und der revolutionären Bewegung und lieh ihm Broschüren von Bakunin und Kropotkin, Lafargue und Recabarren. 1924 bestand Allende das Abitur mit Auszeichnung. Nach Ableistung des Militärdienstes nahm er 1926 das Medizinstudium an der Universität von Chile in Santiago auf. Die Studenten waren politisch aktiv und Allende begann Marx und Engels zu lesen. Bald gehörte er zu den Studenten, die radikal-demokratische Positionen einnahmen. Er wurde von der Universität verwiesen und sogar verhaftet. Mit Mühe konnte er sein Studium abschließen. Eine Anstellung konnte er trotz ausgezeichneter Noten nicht finden, kein Krankenhaus wollte den nun schon landesweit bekannten linken Aktivisten einstellen. 1933 fand Allende eine Stelle als Hilfspathologe im städtischen Leichenschauhaus von Valparaiso; zeitgleich begann er eine Monografie über das chilenische Gesundheitswesen zu schreiben, das er später unter dem Titel »Die sozialmedizinischen Probleme Chiles« veröffentlichte. Darin enthüllte er den Zusammenhang zwischen sozialen Krankheiten einerseits und Ausbeutung sowie der Abhängigkeit vom Auslandskapital andererseits. Er engagierte sich bei der Gründung der Sozialistischen Partei Chiles und führte 1937, mit 29 Jahren, seinen ersten Wahlkampf. Er nahm die Menschen für sich ein, war ein überzeugender Redner mit angenehm klingender Stimme, ein junger Arzt, der unter politischer Verfolgung zu leiden hatte – das alles brachte ihm seinen ersten Wahlsieg. Er zog ins Parlament ein, in das er fortan immer wieder gewählt wurde. 1939 wurde er Gesundheitsminister in einer Volksfrontregierung. Auf seine Initiative hin wurde der Nationale Gesundheitsdienst geschaffen und der Schwangerschaftsurlaub für Arbeiterinnen eingeführt. Als er nach drei Jahren aus der Regierung ausschied, war er einer der profiliertesten linken Politiker Chiles. Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Linken ihn zu ihrem Präsidentschaftskandidaten beriefen. Dies geschah erstmals 1952. Und seine Wahlkampagne begann er mit einem Paukenschlag: einem Gesetzentwurf über die Nationalisierung des Kupfers, dem Nationalreichtum Chiles, das sich jedoch mehrheitlich im Besitz nordamerikanischer Konzerne befand.

Der Aufbruch

Der erste, zweite und auch dritte Anlauf zur Präsidentschaft scheiterten. Erst beim vierten Versuch, 1970, gelang Allende der Sieg. Der neue Präsident betrat nicht wie üblich allein seinen Amtssitz Moneda, sondern in Begleitung von Führern der linken Parteien, der Jugend- und Studentenverbände sowie der Bauernorganisationen. Wie er es versprochen hatte, zog das Volk in den Palast ein. Und auf den Straßen feierte es. Volkskunstensembles boten ihr Repertoire, die Menschen tanzten und sangen das Lied der Gruppe Quilapayun: »Dieses mal geht es nicht um einen Präsidentenwechsel, sondern um den Aufbau eines ganz anderen Chiles«.

Doch mit Allendes Wahlsieg entstand eine Doppelherrschaft. Während er und die Unidad Popular über die Präsidialmacht und die Ministerien die Verwirklichung ihres Programms in Angriff nahmen, verfügte die Rechte noch über eine Mehrheit im Parlament und dominierte die Massenmedien. Der Justizapparat befand sich fest in Hand konservativer Richter. Die Armee war gespalten – ein Spiegelbild der chilenischen Gesellschaft.

Die Umsetzung des Wahlprogramms ließ sich zunächst gut an. Kinder bis zu 15 Jahren erhielten unentgeltlich einen halben Liter Milch pro Tag, die Löhne der Arbeiter und Angestellten wurden entsprechend der Inflationsrate erhöht, die Mindestlöhne verdoppelt. Preise für Strom und Haus-haltsgas sowie die Transporttarife wurden eingefroren. Der Bau von 100 000 Wohnungen wurde in Angriff genommen und unentgeltliche Behandlung in Krankenhäusern und Polikliniken angeboten. 1971 wurden die wichtigsten Zweige der Volkswirtschaft verstaatlicht und in Volkseigentum überführt: der Kupferbergbau, die metallurgische, die Kohle-, die Eisenerz-, die Salpeter-, Erdöl- und die Zementindustrie sowie die Energiewirtschaft und das Fernsprechnetz. Mit Aktienkäufen erwarb die Regierung die Mehrheit an führenden Privatbanken. Mit den Verstaatlichungen war für die Sozialprogramme eine solide Grundlage gegeben. Das erste Jahr gestaltete sich als das Jahr der Offensive und der fast vollständigen Erfüllung des Wahlprogramms. Die Armen und Unterprivilegierten Chiles erkannten: Salvador Allende war ihr Präsident. Einer, der zu seinem Wort steht. So einen Präsidenten hatte es in der chilenischen Geschichte noch nicht gegeben.

Aus der Sicht seiner Gegner hatte sich Allende jedoch des schwerstmöglichen Verbrechens schuldig gemacht: Er hatte sich am Großkapital vergriffen. Aus den heute verfügbaren Dokumenten wird ersichtlich, dass gerade diese politische Konsequenz der revolutionären Regierung wie ein Katalysator auf den Einigungsprozess der Rechten wirkte. Sie gingen Ende 1971 zum Gegenangriff über: mit zunehmender Hetze gegen den Präsidenten in den Medien, mit Sabotage der Produktion und Unterbrechung der Stromversorgung sowie mit bewaffneten Anschlägen faschistischer Gruppen. Die reaktionäre Mehrheit im Parlament blockierte alle Gesetzesinitiativen der Regierung, die Gerichte ließen faschistische Gewalttäter laufen und überzogen Aktivisten der Volksbewegung mit Prozessen.

Die Wirtschaft wurde zum Hauptangriffspunkt. Vor allem die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern wurde gestört. Fuhrunternehmer legten den Verkehr lahm, Händler schlossen ihre Läden. Der Ärzteverband organisierte einen unbefristeten Streik. Es sollte ein Klima der Unzufriedenheit mit der Volksregierung herbeigeführt werden. Die USA sekundierten mit einem Wirtschaftskrieg. Die chilenische Regierung erhielt von IWF und Weltbank keine Kredite mehr, der Weltmarktpreis von Kupfer, aus dem Chile 85 Prozent seiner Deviseneinkünfte erzielte, wurde künstlich gedrückt.

Allende erging es wie einer Armee, die an mehreren Fronten operieren musste. Erschwert wurde sein Kampf durch die Tatsache, dass er über keine Hausmacht verfügte. Das Parteienbündnis Unidad Popular war nach dem Wahlsieg de facto zerfallen. Die beiden großen Parteien, Kommunisten und Sozialisten, stellten ihre parteipolitischen Interessen in den Vordergrund und desavouierten den Präsidenten wiederholt in seinen Entscheidungen. Dem Angriff der Reaktion stand keine einheitliche Organisation der Revolution entgegen.

Allende war mit dem Ziel eines friedlichen Übergangs zum Sozialismus angetreten unter strenger Respektierung bürgerlich-demokratischer Freiheiten und Rechte. Er wollte einen Bürgerkrieg ver-meiden. Aber die Reaktion hatte längst den rechtsstaatlichen Boden der Auseinandersetzung verlassen. Der Verzicht der Volksregierung auf Repressionsmaßnahmen, der Großmut der Volksbewegung im Umgang mit ihren Feinden wurde von jenen als Schwäche gedeutet.

Das Ende

Die Reaktion hatte jedoch nicht mit der Massenbasis des neuen Regimes gerechnet. Während die Regierung als wenig handlungsfähig erschien, stellten sich Zehntausende der Konterrevolution entgegen. In den Wohngebieten entstanden Selbstverwaltungsorgane, welche eine Grundversorgung mit Lebensmitteln sicherstellten, mutige Schwestern und Ärzte sicherten in den Krankenhäusern und Polikliniken eine Notversorgung, Angestellte von Elektrizitäts- und Wasserwerken gründeten Selbstschutzkomitees gegen Sabotage- und Terroranschläge. Jugendverbände organisierten freiwillige Arbeitseinsätze, Künstler engagierten sich. Im Widerstand gegen die reaktionäre Gewalt wuchsen die Keimzellen einer neuen Gesellschaft. Nun wurde es den chilenischen Oberschichten klar, dass ohne bewaffnete Kräfte die Revolution nicht aufzuhalten war.

Allende war sich der Gefahr eines konterrevolutionären Umsturzes durchaus bewusst. Im Juni 1973 sagte er zu einem engen Vertrauten: »Es gibt keine bessere Alternative zu meiner Regierung, und wenn sie gestürzt wird, dann wird an ihre Stelle die schlimmste Diktatur treten.« Zugleich war er davon überzeugt, dass ihm die Vermeidung eines Blutbades gelingen könnte. Der chilenische Winter 1973 mit den kalten Tagen im August wurde zum Kreuzweg. Die Reaktion verstärkte den Druck auf die Allende treuen Generäle. Der Präsident entließ, in der Hoffnung, die Gegner ruhigstellen zu können, die Treuesten der Treuen: den Oberkommandierenden General Prats, den Chef der Offiziersschulen Ge-neral Pickering und den Chef der Garnison Santiago General Sepulveda. Schließlich ernannte er gar General Pinochet zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Damit hatte er sein eigenes Todesurteil unterschrieben.

Die Putschisten ließen am Abend des 11. September 1973 vermelden, Salvador Allende habe in der Moneda Selbstmord begangen. Ein medizinisches Gutachten, das die Selbstmordversion bestätigt hätte, hat die Junta nie veröffentlicht.

 

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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