Gegen die Korruption und einen grauen Sozialismus

aus: www.redglobe.de vom 13.06.2008

Als Alina Perera am 8. Juni in der kubanischen Jugendzeitung „Juventud Rebelde“ ihren Kommentar „Handel mit Privilegien“ veröffentlichte, hatte sie vermutlich nicht damit gerechnet, dass ein höchst prominenter Leser der Zeitung ihr daraufhin einen Brief schreiben würde. Niemand anderes als der frühere kubanische Präsident Fidel Castro reagierte auf den Artikel, in dem die 1971 geborene Journalistin die Korruption in Kuba anprangert. Sie warnte davor, dass durch das um sich greifende „Hilf du mir, dann helfe ich dir“ diejenigen bevorzugt werden, die sich durch Geld Vorteile verschaffen können und schreibt: „Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass ein Arzt sich mehr um einen Patienten mit gut gefüllter Brieftasche kümmert, als um einen, der jeden Tag seine Centavos zählen muß. Ich kann mir auch keinen Lehrer vorstellen, der herzlicher mit einem Kind umgeht, das – weil es dazu in der Lage ist – spendabel ist, als mit einem, das unter Mangel leidet. Ich kann mir auch ganz ehrlich nicht vorstellen, meine Themen und möglichen Interviewpartner nach möglichen Dividenden auszuwählen…“

„So wenig, wie mich ein grauer, langweiliger, platter Sozialismus interessiert, möchte ich noch viel weniger mein Glück in einem unmoralischen System machen“, schreibt die Journalistin deshalb. Diese Position teilt Fidel ausdrücklich: „Wie langweilig, niveaulos und grau unser Sozialismus sein wird, hängt unter anderem davon ab, welchen Gebrauch unsere Journalisten von den Massenmedien machen, die die Revolution ihnen in die Hände gelegt hat. (…) Es gibt nichts, was mehr entfremdet, als viele der Inhalte jener vom Imperialismus entwickelten so genannten ‚Unterhaltungsindustrie‘, für die Kinder und Jugendliche unzählbare Stunden aufbringen, ohne dass der Sozialismus bis jetzt genügend wirkungsvolle Gegenmittel geschaffen hat, um ihrem schädlichen Einfluss zu begegnen. Die Korruption und das Abzweigen von Mitteln verwandeln diejenigen, die sie ausüben, in Verteidiger des freien Marktes, durch den sie das Ergebnis ihres Diebstahls in Waren umwandeln.“ 

Weiter schreibt Fidel: „Die Frage, die wir uns alle stellen  müssen, ist, ob unser Verhalten und unsere Ziele im Einklang mit den Naturgesetzen und mit den Früchten der menschlichen Intelligenz stehen. Es ist eine moralische Pflicht, Konzepte und Haltungen jener anzuprangern, die dem Imperium dienen, jenem Imperium, das die uns liebsten und höchsten Werte vernichten will.“

Auch weniger bekannte Leserinnen und Leser der Jugendzeitung hatten sich bereits zu Wort gemeldet und auf den Kommentar von Alina Perera reagiert. So schreibt Yolagny Díaz Bermúdez, die in einem der Computer-Jugendclubs arbeitet: „Erziehen wir die jungen Generationen, damit sie nicht die selben Fehler begehen wie unsere und die Freundschaft wichtiger nehmen als diese kleinen Dinge, die, so viel sie auch kosten mögen, weniger wert sind als eine helfende Hand, wenn wir sie brauchen, ein Ratschlag oder eine Ermutigung – alles Dinge, die keinen Preis haben.“

Übrigens hatte Fidel darum gebeten, seinen Leserbrief nur auf der selben Seite zu veröffentlichen, auf der auch der Kommentar von Alina Perera erschienen war. Weder Sendezeit noch weitere Seiten in anderen Zeitungen sollten für diesen Text geopfert werden. Aber anstatt den Brief wunschgemäß auf Seite 3 unten zu veröffentlichen, füllte er gestern die halbe Titelseite der „Juventud Rebelde“. Die Parteizeitung „Granma“ hingegen respektierte den Wunsch ihres populärsten Leitartiklers und verzichtete auf einen Abdruck des Briefes, ebenso die Agentur Prensa Latina. Der lateinamerikanische Nachrichtensender TeleSur und andere lateinamerikanische Medien hingegen beleuchteten breit die neuesten Analysen des früheren kubanischen Präsidenten, der auch auf die Gefahren der Gentechnik und der Lebensmittelkrise eingeht.

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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