Wir brauchen ein, zwei, drei, viele Kubas

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Wetten, daß mehr als 1000 Menschen der Inselrepublik zum 50. Jahrestag der Revolution gratulieren? Ein Gespräch mit Klaus H. Jann;  Interview: Gitta Düperthal in „Junge Welt“ vom 24.12.2008
 
Klaus H. Jann ist Vorsitzender der Demokratischen Linken in Wülfrath und Chefredakteur des Roten Reporter

Sie haben mit einer »Unternehmerin, deren Herz links schlägt« eine Wette abgeschlossen: Beglückwünschen 1000 Leute Kuba zum 50. Jahrestag der Revolution auf der Internetseite www.roter-reporter.de, muß sie zwei Euro pro Gratulanten für das Projekt »Milch für Kubas Kinder« spenden. Sind Sie sicher, daß Sie gewinnen?

Nein, natürlich habe ich Zweifel gehabt, ob es mir gelingen würde, wirklich tausend Menschen zu mobilisieren, die sich mit Namen und Wohnort eintragen. Aber viele Menschen sind von der kubanischen Revolution begeistert –und möchten, daß es nicht bei nur einem sozialistischen Staat bleibt. Also kann es, wie verabredet, am 26. Dezember losgehen mit der Unterschriftensammlung.

Was ist Ihr Einsatz?

jannWenn ich verliere, zahle ich 500 Euro für Kubas Kinder. Nach der Sympathiewelle bin ich aber sicher zu gewinnen.

Wenn das sozialistische Kuba so begeistert: Warum geht es dort ausgerechnet den Jüngsten so schlecht, daß es eine Aktion »Milch für Kubas Kinder« geben muß?

Ließe man den Sozialismus sich frei und ohne US-Blockade entwickeln, hätte die Insel bessere Chancen. Die Verhältnisse müssen normalisiert werden – eine geringfügige Hoffnung knüpfe ich an den neuen US-Präsidenten Barack Obama. Wir wollen helfen, damit die Bevölkerung solange über die Runden kommt. Kuba war eng verbündet mit dem sozialistischen Lager – das es bekanntermaßen nicht mehr gibt. Um zu verhindern, daß andere Länder Wirtschaftsbeziehungen mit Havanna aufnehmen, haben die USA Druck ausgeübt – auch auf Europa. Enthält etwa ein Computer ein in Amerika gefertigtes Teil, darf dieser nicht nach Kuba geliefert werden. Der wirtschaftliche Aufbau wird behindert. Wir Wülfrather haben deshalb ein Solidaritätsprojekt in der kubanischen Provinz Guantánamo gegründet: Eine kleine Schule soll dafür sorgen, daß Kinder von Landarbeitern in unmittelbarer Nähe einer Rinderfarm lernen können – ohne weite Anfahrtswege.

Was ist das Begeisternde an der kubanischen Revolution?

Ich bin oft auf Kuba gewesen. Mein persönliches Motto: Lieber arm und gerecht als reich und korrupt. Die Menschen sind in ihrer Gleichheit im großen und ganzen zufrieden. Das würde ich auch bei uns gern sehen. Bemerkenswert ist beispielsweise, daß Schwarze und Weiße ganz selbstverständlich miteinander leben, heiraten und Kinder bekommen. Das ist im Kapitalismus nicht möglich. Freilich bringt die relative Armut Schwierigkeiten, aber es wird ehrlich damit umgegangen. Natürlich haben sich die Spitzenpolitiker dort auch einige Privilegien gesichert. Aber Ackermänner gibt es nicht – auch keine extreme Spanne zwischen Arm und Reich. Politiker bewegen sich in der Menschenmenge ohne Bodyguards. Hierzulande schirmen sie sich ab, registrieren die realen Lebensverhältnisse der Menschen nicht. Wir brauchen ein, zwei, drei, viele Kubas, kann man sagen. Generell leben die Menschen dort glücklicher und freier. Den Drang nach besserem Leben gibt es auch im Sozialismus – aber keine Sorgen wegen Arbeitslosigkeit. Arbeit findet sich, und man kann davon leben.

Warum gibt es aber ein Problem mit der Milch?

Kuba hatte bis 1990 vor allem durch den Einsatz von importiertem Kraftfutter sowie einer weitgehend mechanisierte Futterwirtschaft eine hohe Milchproduktion. Mit zusätzlichen Milchpulverimporten aus den RGW-Ländern reichte das aus, um Kindern und alten Menschen eine tägliche Milchration zu garantieren. Mit den sozialistischen Ländern endeten die Kraftfutter- und Milchpulverimporte und es gab kaum noch Treibstoff. Die Milchproduktion sank von 740 Millionen Litern im Jahre 1989 auf 336 Millionen Liter im Jahre 1992. Allein in der Provinz Havanna krepierten 1992, infolge des verminderten Nährstoffangebotes, 80000 bis 90000 Kühe. So ist die Milchaktion entstanden.

Wie wird sich die weltweite Finanzkrise auf Kuba auswirken?

Die Regierung hat beschlossen, die Doppelwährung abzuschaffen. Der Dollar soll kein Zahlungsmittel mehr sein; 2009 wird man zu einer Währung zurückkehren – der eigenen. Es hat auch Vorteile, aus dem Wirtschaftskreislauf des Kapitalismus weitgehend ausgeschlossen zu sein: dessen Krise trifft dann nicht.

Gratulation zum 50. Jahrestag der kubanischen Revolution vom 26. Dezember bis 6. Januar unter www.roter-reporter.de

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

2 Kommentare zu „Wir brauchen ein, zwei, drei, viele Kubas“

  1. Was sind denn 1000 Leute angesichts der Millionen Kubaner, die alle so stramm und unverrückbar hinter der kubanischen Regierung stehen, daß sie bei Parlamentswahlen nichtmal mehrere Kandidaten zur Auswahl brauchen?

    „Bemerkenswert ist beispielsweise, daß Schwarze und Weiße ganz selbstverständlich miteinander leben, heiraten und Kinder bekommen. Das ist im Kapitalismus nicht möglich.“

    Stimmt. So etwas gibt es ja nirgends sonst auf der Welt.

    „Wir brauchen ein, zwei, drei, viele Kubas, kann man sagen.“

    Wir haben viele Kubas auf der Welt: Venezuela, Nordkorea, … Seit zwei Jahrzehnten sind es Gott sei Dank ein paar weniger, weil die Menschen endlich den Mut gefunden haben, aus ihrem ach so glücklichen und freien Leben auszubrechen.

  2. Hallo Alex,
    wie kommst Du denn drauf, dass bei den Parlamentswahlen nicht mehrere KandidatInnen zur Auswahl stehen? Sie tun es, und zwar bereits ab der untersten Wahlkreisebene an.
    Dass Schwarze und Weisse nur in Kuba selbstverständlich miteinander leben können halte ich für schlimm – es sollte doch überall so sein, meinst nicht?
    Venezuela ist nicht übrig geblieben, wie etwa Nordkorea sondern neu hinzugestossen – so wie Bolivien, Equador und andere Länder. Und es werden mehr, das ist gut so. Südamerika hatte bereits eine Reihe von fortschrittlichen Regieungen, bevor die Militärs sich an die Realisierung der Neoliberalen Vorgaben der Chicago Boys machten, wie Pinochet in Chile, wie die Miltärdiktaktur in Argentinen usw.
    Alles klar?
    Guten Rutsch!

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