Reis vom Klassenfeind

neuesdeutschlandKubaner und US-Amerikaner suchen den Dialog in Wirtschaftsfragen
Von Bernd Bieberich in: Neues Deutschland vom 09.02.2009
Die USA werden von Jahr zu Jahr wichtiger für Kuba als Handelspartner. Derzeit rangieren sie auf Rang fünf der kubanischen Außenhandelsstatistik. Doch sie könnten demnächst noch weiter vorrücken.
»Riceland« steht in dicken Ländern auf dem Nylonsack, der dekorativ an einer Glasvitrine am Messestand lehnt. Das Unternehmen aus Arkansas mit dem klangvollen Namen »Riceland Foods« ist der weltgrößte Reislieferant und wie selbstverständlich auf der internationalen Messe von Havanna vertreten. Lieferverträge erhofft man sich bei der in Stuttgart ansässigen Kooperative, der 9000 Farmer angehören. Wie in den Jahren zuvor fuhren die Amerikaner auch in diesem Jahr mit anständig gefüllten Auftragbüchern nach Hause. Für einige hundert Millionen US-Dollar, so wurde im Anschluss an die Messe im November berichtet, hat Alimport, die kubanische Importagentur, Lebensmittel auf der Messe geordert.
Auf die USA entfiel dabei ein großes Stück, denn seit einigen Jahren sind die Unternehmen aus Arkansas, Nebraska, Minnesota und Co. die wichtigen Lebensmittellieferanten Kubas. Schon 2007 entfielen auf die Lieferanten vom Klassenfeind 582 Millionen der rund 1,7 Milliarden US-Dollar, die Kuba offiziellen Zahlen zufolge für den Einkauf von Lebensmitteln aufwenden musste. 2008 wird es deutlich mehr sein.
Bereits im ersten Halbjahr 2008 orderte Pedro Alvárez, Direktor von Alimport, Nahrungsmittel für 425 Millionen US-Dollar. So hat es Kubas oberster Compañero Fidel Castro in einer seiner Kolumnen Anfang Oktober geschrieben und zugleich prognostiziert, dass Kuba noch weitaus mehr importieren müsse. Verantwortlich dafür machte er die »schlimmste Katastrophe in Kubas Geschichte«, die von den beiden Hurrikans »Gustav« und »Ike« verursachten Schäden von knapp zehn Milliarden US-Dollar. Das Ausmaß der Zerstörungen und der öffentliche Druck hatten in den USA dazu geführt, dass die Administration in Washington zusätzliche Exportlizenzen in Höhe von 250 Millionen US-Dollar für den Kauf von Lebensmitteln und Baustoffen genehmigte.
Für Kuba sind die USA der billigste Lieferant weit und breit, denn die Transportkosten sind aufgrund der geographischen Nähe unschlagbar günstig. Doch mit dem Amtsantritt von Barack Obama sind in Kuba noch ganz andere Hoffnungen geweckt worden. »Für die Cuban-Americans, also die ehemaligen Exil-Kubaner, bedeutet seine Wahl, dass sie zukünftig wieder öfter auf die Insel reisen und auch Geld im größeren Maßstab an Verwandte auf der Insel transferieren dürfen«, erklärt Lamrey García, ein Taxifahrer aus Havanna, dessen halbe Familie in den USA lebt. Er kann die Wahlkampfversprechungen Barack Obamas im Schlaf herunterbeten und hofft auf die Normalisierungen zwischen beiden Ländern.
Für die kubanische Wirtschaft könnte das ein Sauerstoffschub bedeuten, denn die Dollartransfers aus Miami sind schon lange ein Eckpfeiler der Überlebenswirtschaft in Kuba, so der unabhängige Ökonom Oscár Espinosa Chepe. Er diagnostiziert eine steigende Abhängigkeit von den USA und wenn – wie im kubanischen Tourismussektor – erhofft die Reisebeschränkungen für US-Bürger fallen sollten, dann würde der US-Einfluss weiter steigen. Das gibt auch Omar Everleny, Ökonom an der Universität Havanna, unumwunden zu. Nur macht er sich keine großen Gedanken über die Rückkehr der Abhängigkeit vom großen Nachbarn. Er vertraut auf die Regierung von Raúl Castro, die den Dialog mit Barack Obama sucht.

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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