Georgina Alfonso González

redglobe1Interview mit Georgina Alfonso González, Vizechefin des kubanischen Philosophie-Instituts     
Samstag, 14. Februar 2009 in: www.redglobe.de
Sie haben in kürzlich eine Rundreise durch zahlreiche Städte in Deutschland durchgeführt und zahlreiche Vorträge gehalten. Was waren Ihre Eindrücke von dieser Reise?

Zunächst war es für mich ganz persönlich eine sehr interessante Erfahrung, in Deutschland zu sein, weil solche Reisen mir die Möglichkeit geben selbst zu sehen, wie die reale Entwicklung der Linken in Europa ist, fast zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers. Gerade die Linke in Deutschland hat eine starke Tradition und große Bedeutung für Lateinamerika, denn zu allen Zeiten sind gerade aus Deutschland Ideen gekommen, die in Lateinamerika den revolutionären Bewegungen geholfen haben.
georgina_alfonsoAuch wenn viele es nicht wissen, gibt es in Lateinamerika eine lange Tradition, immer die besten Ideen, die aus Europa kommen, in den revolutionären Prozessen der Region aufzugreifen.

Die Veranstaltungen in den Städten waren natürlich unterschiedlich gut besucht, je nach der Größe der Stadt, aber meistens nahmen mehr Menschen teil, als die Veranstalter, meistens die DKP, manchmal zusammen mit anderen Organisationen der Linken, erwartet hatten. Selten waren es weniger als 50 Menschen und in Konstanz kamen wir sogar fast auf 100 Teilnehmer, die meisten junge Leute. Die Besucher der Veranstaltungen waren gut darüber informiert, was in Kuba vor sich geht, und deshalb waren die Fragen auch sehr interessant und behandelten wirklich die Grundfragen, die sich der Kubanischen Revolution heute stellen.

Was viele nicht wissen ist zum Beispiel, wie gerade in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Initiativen im Bildungswesen ergriffen wurden. Es gibt Veränderungen im Grund- und Oberschulbereich und an den Hochschulen, aber inmitten der Medienkampagne gegen Kuba wird davon nicht gesprochen. In den internationalen Medien wird immer behauptet, die Jugend in Kuba beteilige sich nicht, sie wolle die Revolution nicht. Aber wenn das so ist, warum sind die meisten, die sich an diesen Projekten und Initiativen in Kuba beteiligen, dann gerade junge Leute? Natürlich wollen die Jugendlichen mehr Entscheidungsfreiheit, mehr Bereiche zur Beteiligung, mehr Möglichkeiten, um schöpferisch tätig zu sein, aber diese Möglichkeiten sind durch die Blockade und die wirtschaftliche Lage des Landes, gerade nach den Wirbelstürmen, beschränkt.

1993 haben Sie eine Studie über die Einschätzung des Sozialismus durch die kubanische Jugend veröffentlicht. Was waren damals die Ergebnisse und wie stellt sich die Situation heute dar, 16 Jahre später?

Die damalige Arbeit entstand inmitten der Besonderen Periode, wir waren gerade voll den Auswirkungen des Zusammenbruchs des sozialistischen Lagers ausgesetzt und die Jugendlichen erlebten, wie wir uns allen Mechanismen des Weltmarktes aussetzen mussten. Es war eine andere Situation und gerade in dieser Zeit wurde begonnen, die politischen und Regierungsstrukturen auf den verschiedenen Ebenen zu verändern. Die Folgen dieser Veränderungen sehen wir heute, denn die Mehrheit der Funktionäre auf lokaler und Provinzebene sind junge Leute, Menschen unter 45 Jahren. Im kubanischen Parlament ist das Durchschnittsalter der Abgeordneten in der jetzigen Legislaturperiode fünf Jahre niedriger als zuvor, denn viele historische Persönlichkeiten, die aktiv an der Revolution beteiligt waren, schieden aus dem Parlament aus um Platz für Jüngere zu machen, die zwar die Revolution selbst nicht erlebt haben, aber die heute wichtige Aufgaben übernommen haben, um die Revolution fortzuführen.

Natürlich hat sich die Situation heute gegenüber 1993 verändert. Fidel ist nicht mehr an der Regierung und beteiligt sich immer weniger am öffentlichen Leben, Raúl hat es übernommen, und es gibt einen Prozess, die kollektive Führung sowohl auf politischer wie auf Regierungsebene immer mehr zu stärken. Das ist gerade eine der wichtigsten Forderungen des kubanischen Volkes, nämlich das die Entscheidungen auf allen Ebenen kollektiv getroffen werden.

In Lateinamerika wird heute wieder sehr viel über den Sozialismus diskutiert, über »Sozialismus des XXI. Jahrhunderts«, »Bolivarischen Sozialismus« und so weiter. Wie stellt sich diese Diskussion aus kubanischer Sicht dar?

Auch in Kuba gibt es eine sehr intensive Diskussion über den Sozialismus. In Kuba gibt es bereits zwei Generationen, die unter den Bedingungen der Blockade leben, und der Bezug dieser Generationen zum Sozialismus ist natürlich ein anderer als früher. Ihr Bezug zum Sozialismus ist, was die Kubanische Revolution für sie bedeutet. Aber die kubanische Gesellschaft war zumindest zeitweilig eine Gesellschaft in einer Krise, und die Gesellschaft in einer Krise kann natürlich keine perfekte, keine ideale Gesellschaft sein. Deshalb entwickelt sich die Diskussion über den Sozialismus nicht nur in Kuba, sondern auch in Lateinamerika mit neuen Bezugspunkten. Sozialismus wird verstanden als eine Entwicklung zu mehr sozialer Gerechtigkeit und Einbeziehung in Gesellschaften, in denen noch kapitalistische Produktionsverhältnisse wirken. Davon ausgehend entwickelt sich eine breitere Vision des Sozialismus, der nicht mehr nur als Produktionsverhältnis verstanden wird, sondern als die Gesamtheit aller Verhältnisse der Produktion und Reproduktion in der Gesellschaft. Es geht also nicht darum, dass wir an die Macht kommen und dann lösen wir die Probleme der Armen, der Frauen, der Schwarzen, der Indígenas, der Bauern, sondern um den Aufbau gesamtgesellschaftlicher Strukturen der Beteiligung von der Basis her, in denen sich die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt. Das unterscheidet diesen Sozialismus von den Erfahrungen in Osteuropa, denn dort wurde oft die Vielfältigkeit der Gesellschaft unterschätzt. Kuba bringt in diese Diskussion die historische Erfahrung seiner Revolution ein, und zugleich belebt die breite Diskussion in Lateinamerika auch die Entwicklung in Kuba, denn heute kann man nicht mehr sagen, dass der Sozialismus in Kuba isoliert ist. Wir werden weiter blockiert, aber es gibt immer mehr Integration wie die Bolivarische Alternative für Amerika (ALBA) und andere Projekte, bei denen es um die konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen der Völker geht.

Das hat natürlich zu Reaktionen der rechten, der konservativen Kräfte geführt, gerade auch aus dem nordamerikanischen Imperium. Deshalb sprechen sie heute von neuen Militärstützpunkten, werden die sozialen Bewegungen unterdrückt, die Führungspersönlichkeiten der sozialen Bewegungen werden zu Terroristen erklärt und die Zahl der Morde an Bauernführern in Lateinamerika nimmt wieder zu, besonders in Ländern wie El Salvador, Kolumbien, Guatemala.

Der neue US-Präsident Barack Obama wurde von zahlreichen Staatschefs Lateinamerikas mit der Forderung nach einer Aufhebung der Blockade gegen Kuba begrüßt. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Ankündigung, das Gefangegenlager in Guantánamo zu schließen. Was erwartet und was fordert Kuba von der neuen US-Administration?

Das erste, was wir natürlich fordern, ist die Aufhebung der Blockade. Seit 50 Jahren, während des gesamten revolutionären Prozesses, waren wir ein blockiertes Land, dass kein wirtschaftliches Projekt durchführen konnte, ohne dem Druck dieser Blockade ausgesetzt zu sein. Diese Blockade verhindert die volle Souveränität und Unabhängigkeit unseres Landes. Aber ein Präsident der Vereinigten Staaten entscheidet nicht die Politik des Systems, denn das kapitalistische System ist heute ein transnationales, globales kapitalistisches System. Deshalb ist es das transnationale Kapital, das die Entscheidungen trifft. Hinter dem Diskurs von Obama, hinter seinen vielfältigen Verpflichtungen gegenüber sozialen Gruppen, steht das transnationale Kapital, das die Welt und die Naturressourcen unter sich aufteilen will. Was vor sich geht ist eine Neuorganisation des internationalen Kapitals, und dabei stören natürlich die sozialistischen Projekte.

Zu Ihren Fachgebieten als Wissenschaftlerin gehört auch das Thema Feminismus. Was bedeutet Feminismus in einer vom Machismus geprägten Gesellschaft wie der Lateinamerikas?

Das, was man in Lateinamerika als Machismus kennt, ist das Patriarchat, und das gibt es in der gesamten Gesellschaft, auch in Afrika, in Asien, in Europa. Gegen die Frauen wird auf der ganzen Welt in jeder Hinsicht Gewalt ausgeübt, überall, wo der Mann über die Frau herrscht. Der lateinamerikanische Machismus ist dafür ein Ausdruck, aber auch in Europa und in den USA gibt es Gewalt gegen Frauen. Ganz allgemein können wir feststellen, dass das Patriarchat allen Menschen schadet, den Frauen und auch den Männern.

Als Theorie wurde in Kuba mit dem Feminismus bislang sehr wenig gearbeitet, obwohl die Revolution so viel für die Frau getan hat. Aber gerade in der letzten Zeit haben verschiedene Universitäten in Kuba damit begonnen, zu diesem Thema zu arbeiten. Ich selbst arbeite seit 1997 in einem Projekt über die Gewalt gegen Frauen und über den Kampf gegen das Patriarchat, verstanden als eine Form kapitalistischer Herrschaftsausübung. Das Patriarchat wurde nicht mit dem Kapitalismus geboren, aber der Kapitalismus legitimiert das Patriarchat, vor allem um das Öffentliche vom Privaten, das Produktive vom Reproduktiven zu trennen. Unsere These ist, dass hinter allen Maßnahmen der Kubanischen Revolution auch ein Beitrag der feministischen Theorie gestanden hat, aber die Theorie des Sozialismus ist etwas, das gerade in diesem Bereich noch nicht abgeschlossen ist. Es gibt aber wichtige Beiträge, die der Sozialismus für die Theorie des Feminismus geleistet hat, und umgekehrt hat der Feminismus dem Sozialismus viele Beiträge geliefert.

Der Machismus, das Patriarchat schadet auch dem Mann, weil es dazu führt, dass der Mann stark und erfolgreich sein muss, möglichst auch noch groß und weiß, und wer diesem Leitbild nicht entspricht, ist dann ganz schnell weniger wert, kein echter Mann mehr. Deshalb richtet sich die Ideologie des Patriarchats gegen den Mann selbst, und darum ist es nicht nur ein Kampf der Frauen, die am stärksten Opfer des Patriarchats sind und aus der Dynamik der Gesellschaft ausgegrenzt werden. 

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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