Das Rentnerleben eines Revolutionsführers

faznet Von Josef Oehrlein, Buenos Aires 13. März 2009 in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online vom 14.03.2009

Wo sich Fidel Castro, der Revolutionsführer a.D. aufhält und was er tagaus, tagein so treibt, war bislang ein Staatsgeheimnis. Jetzt wissen wir einiges mehr, weil einer der Besucher, die Castro in jüngster Zeit ihre Aufwartung machten, ausgeplaudert hat, was er von und über Fidel in Erfahrung gebracht hat. Der argentinische Politologe und Soziologe Atilio Boron, der Castro kürzlich besuchte, hat der in Buenos Aires erscheinenden Zeitung „Clarín“ viele bislang unbekannte Einzelheiten über das Leben des Rekonvaleszenten in einem Privathaus in irgendeinem Stadtviertel von Havanna offenbart. fidel_altAnlass der Einladung Borons und Thema des Gesprächs war die Weltwirtschaftskrise, von der Castro denkt, dass sie noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hat.  Die Begegnung fand statt in einem Wohnzimmer mit Schreibtisch, Computer und Aktenordnern mit den unerlässlichen Zeitungsausschnitten, die Castro auch schon begleiteten, als er Staatschef war. Ein Handy-Telefon sei nicht zu entdecken gewesen, bemerkt Boron, aber er hat einige thematisch geordnete blaue Hefte gesehen, in denen Fidel seine „Reflexionen“ sammelt.
Das Haus verfügt über einige medizinische Einrichtungen, um Castro im Notfall rasch behandeln zu können, ausreichend Raum für gymnastische Übungen und sogar ein kleines Schwimmbecken. Die körperliche Verfassung des ehemaligen kubanischen Staatschefs hat Boron sehr überrascht. Fidel sei ihm keineswegs als hinfälliger Greis vorgekommen, vielmehr habe er eine gesunde Gesichtsfarbe und gut definierte Muskeln. Er erschien in der Uniform der kubanischen Sportler, diesmal sogar in kurzer Hose, so dass auch seine sportlich wirkenden Beine zum Vorschein gekommen seien.
Während der eine Stunde und vierzig Minuten dauernden Unterredung habe er nichts getrunken und sei auch nicht unterbrochen worden, um irgendeine Medizin zu nehmen. Der fast 83 Jahre alte Fidel bewege sich ohne fremde Hilfe. Vor einigen Wochen, bestätigt Boron, sei er nach eigener Schilderung allein und ohne Leibwache an einen Kiosk gegangen, um eine Zeitung zu kaufen. Castro fühlt sich in seinem Refugium nunmehr als „Soldat im Kampf der Ideen“. Zu seiner Hauptlektüre zählt derzeit das Œuvre von Charles Darwin. Dank Atilio Boron wissen wir nun auch, dass der einstige Revolutionsführer alles an Literatur verschlingt, was mit Nanotechnologie zu tun hat. Und dass Fidel Castro ganz entspannt und glücklich darüber ist, nicht mehr an der Macht zu sein. „Zur Zeit liegt die Regierungsverantwortung bei meinem Bruder und nicht bei mir“, habe Fidel unmissverständlich gesagt.
fidel_zelayaWarum sein Bruder Raúl den Außenminister Felipe Pérez Roque, Fidels politischen Ziehsohn, und Vizepräsident Carlos Lage ziemlich unehrenhaft aus ihren Ämtern entließ, hatte Fidel schon in seinen „Reflexionen“ begründet. Um keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen, mit Raúl gebe es Meinungsverschiedenheiten, setzte er gegenüber Boron nach: Die beiden abgesetzten Politiker hätten „dem Feind falsche Hoffnungen“ gemacht. Das konnte wohl nur heißen, sie hätten allzu große Ambitionen gehabt, die Castros zu beerben. Der „Feind“, das sind für Fidel Castro noch immer vor allem die Vereinigten Staaten. Für Obama, den neuen Herrn im Weißen Haus, scheint der Revolutionärsveteran zwar „eine gewisse Sympathie“ zu empfinden, ohne sich jedoch Illusionen zu machen. Obama werde bald merken, prophezeit Fidel Castro, „dass die Präsidentschaft eines ist und das Imperium etwas anderes“.

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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