Erinnerungen für die Zukunft

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Wie der Boden der kubanischen Revolution bereitet wurde. Impressionen aus Havanna und Oriente 50 Jahre nach dem Sieg der Guerilla (Teil 1)
Von Gerd Schumann in: Junge Welt vom 23.5.2009 (Teil 1) und 30.5.2009 (Teil 2)

Erinnerungen für die Zukunft (Teil 1)

Als der Sozialismus in Europas Osten seinem Ende entgegentaumelte, was niemand so recht ahnte damals, im Laufe des Jahres 1989, da reiste Gerhard Gundermann auf die »rote Insel der Karibik«. Er selbst, der als Poet und Liedermacher wie kein anderer den Niedergang seines Landes in Text und Musik faßte, den Absturz vieler seiner Freunde im neuen System und die unentschiedene, trügerisch-hoffnungsbeladene Stille in jenem kleinen Zeitfenster dazwischen, begab sich auf die Suche. Nicht so pessimistisch vielleicht wie die Schwarzseher, von denen es plötzlich so viele gab: von wegen, nee, das geht nicht mehr lange gut mit dem »socialismo tropical«. Gundermann kommentierte: »Und eine kleine Katze/ blutjung und ganz allein/ jemand sagt/ laß die geht bald ein.«

So entfernten sich viele von der Revolution, während unsere Freunde drüben in Havanna in der Spezialperiode landeten, der totalen Mangelwirtschaft. Und als es nichts mehr zu essen gab, kochten sie aus Kräutern, die vorher niemand für eßbar angesehen hatte, irgendwelche selbstkreierten Speisen zusammen und luden ihre Nachbarn ein, und sie machten sich gegenseitig Mut, durchzuhalten und den Sozialismus nicht den Yankees auszuliefern. Und Gundermann sah: »Jenes Haus in Santa Clara/ mitm Bild von Che Guevara/ das alles war noch da/ als ich in Kuba war.«

20 Jahre später stehen wir, Che Guevara im Herzen und eine vernünftige Portion Skepsis im Kopf, auf »José Marti«, wie Havannas Flughafen nach dem Helden des Unabhängigkeitskrieges (1895–1898) gegen die spanische Fremdherrschaft immer noch heißt; sein Bild hängt überall, das vom Che auch, und an der großen Mauer nahe der Landebahn steht »Sozialismus oder Tod« auf spanisch. »Gundi«, wie ihn jene nannten, die ihn mochten, ist schon elf Jahre unter der Erde, die kleine Katze hat überlebt, bisher, längst nicht mehr blutjung, aber auch nicht mehr allein.

Die »periodo especial« ist nicht offiziell beendet, und wer heute über kubanische Geschichte spricht, teilt sie nicht nur in die Epochen vor und nach der Revolution ein, sondern auch in die Zeit vor und nach der Krise 1990, als mit der Sowjetunion über 80 Prozent des Außenhandels wegbrach und Gorbatschow die Ölpreise erhöhte und Jelzin den Hahn ganz abdrehte und der Zuckerpreis verfiel und die Massenviehhaltung mangels Energie und Futter kollabierte und Hunderttausende Kühe verendeten oder mußten notgeschlachtet werden.

CNN wiederholt gerade zum zigsten Mal die jüngste These Washingtons vom neuen Weg zum »Ende der Tyrannei« auf Kuba. Diesmal also auf die sanfte Tour, Konterrevolution mit menschlichem Antlitz, ohne Blockade, Embargo, Anschläge, Militärintervention. Barack Obama als Willy Brandt, Schafsfell-Imperialismus, obwohl: Auch so mancher Kubaner setzt auf den Sympathieträger im Weißen Haus – an sich kein Wunder angesichts des Ekels, den allein der Gedanke an dessen Präsidentenvorgänger immer noch erzeugt.

Unvermittelt fällt mir jener Tag vor mehr als drei Jahrzehnten ein, als der Lufthansa-Jumbo selben Orts einflog, eine Sensation, technisch wie politisch: War die Landebahn lang genug für den Riesenvogel, und wie würden die USA reagieren darauf, daß ein Flieger aus der BRD Wa­shingtons Blockade durchbrach? Nun, sie ließen uns tatsächlich mit Sondergenehmigung landen auf New Yorks Kennedy-Airport. Das Auftanken dauerte vier Stunden, und die Passagiere hatten währenddessen an Bord zu bleiben, heiß war’s, die Motoren aus, die Aircondition dito, 250 Leute drinnen, Künstler, Journalisten, Vertreter politischer Organisationen auf Zwischenstopp zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten, Havanna/Kuba 1978. Und als die Gangway auf »José Marti« angelegt war, stand die Stewardeß oben und verkündete: »Die Luft in Havanna prickelt wie der Duft von Champagner.«

Nun riecht es nach verbranntem Diesel, und Obama erwägt, daß Exilkubaner, die in den USA leben, Reisefreiheit erhalten sollen. Busse, Taxen, die berühmten antiquarischen Amischlitten stauen sich ebenso wie die weniger berühmten Ladas vor dem noch neuen Terminal. 25 Grad abends um halb neun, das Pfützenwasser vom Tropenregen kurz zuvor dampft in der Dunkelheit vor sich hin. Die Straßen des Molochs mit seinen zwei- oder zweieinhalb Millionen Bewohnern liegen merkwürdig ruhig da, und der Minibus rumpelt durch Schlaglöcher, absolviert einen Dauerslalom, um denselben auszuweichen, stoppt vor Betonschwellen und Eisenbahnschienen und versucht, sie unbeschadet zu überwinden.

Private PKW gibt es wenige, an keinem Straßenrand einer Metropole habe ich weniger parkende Autos gesehen. Ökonomische Zwänge mit ökologischem Nutzeffekt. Kein Kubaner wird sich auf legalem Weg einen Neuwagen leisten können – es sei denn, er bekommt ihn von irgendwem im Ausland geschenkt. Zudem favorisiert das kubanische Verkehrskonzept uneingeschränkt den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Das ist Programm. Fidel Castro: »In den Vereinigten Staaten übersteigt der tägliche Benzinkonsum achteinhalb Millionen Barrel. Das ist eine wahrhaft unhaltbare Menge, die zur raschen Erschöpfung der nachgewiesenen und der vermuteten Ölreserven der Welt beiträgt.« Sein Alptraum sei die Vorstellung von 1,3 Milliarden Chinesen »mit einer Pro-Kopf-Zahl an Autos wie bei den US-Amerikanern«.

Einkauf an der Ecke

In der »Marqués Gonzáles«, einer Nebenstraße der »Salvador Allende« in Centro Habana, befindet sich unsere Privatunterkunft. Senor Orlando nebst Gattin Luisa haben alles zu bieten, was des Reisenden Herz begehrt: Bett, Dusche, Kühlschrank, ein Espresso oder Café con leche am Morgen. Nein, an den letzten ernsthaften Stromausfall können sie sich nicht erinnern, meint der Vermieter, die Wasserversorgung klappe auch weitgehend, die Zeiten hätten sich tatsächlich geändert, und um die Ecke locken ein Kaufhaus und jede Menge kleiner Geschäfte und Buden. Einige Straßen weiter auf dem Bauernmarkt präsentiert sich ein kleines Duftparadies aus Blumen, Gemüse und Obst. Auch Säfte sind im Angebot, ein Tamarindenkonzentrat. Hier kann jedermann, ob Einheimischer oder Ausländer, so ziemlich alles einkaufen.

Das war vor ein paar Jahren noch anders. Es existierten zwei Währungen, Kubaner kamen nur dann, wenn sie in Devisenbesitz waren, an den kaufkräftigen konvertiblen Peso (CUC) heran, und Fremde kaum an den nationalen Peso. Heute kann einheimisches wie ausländisches Geld offiziell getauscht werden. Der Einkauf von Brötchen, Sandwich mit Schweinefleisch auf der »Salvador Allende« klappt problemlos, und viele Habaneros haben ihre Libreta dabei, die Lebensmittelkarte, die zum verbilligten Einkauf stark subventionierter Grundnahrungsmittel berechtigt – eine in den vergangenen Jahren zunehmend in Frage gestellte und inzwischen vollständig zur Disposition stehende Versorgung. Gleichbehandlung bedeutet nicht Gleichheit. Zu unterschiedlich stellt sich inzwischen die Sozialstruktur der einheimischen Bevölkerung dar.

Die Hunderttausenden, die im Tourismus arbeiten, die Angehörigen der weit über zwei Millionen Menschen, die Kuba in den vergangenen Jahrzehnten verlassen haben und ihren Verwandten und Bekannten Geld zukommen lassen, und diejenigen, die ihre kleinen oder auch größeren illegalen Geschäfte betreiben, brauchen keine Libreta. Daß sie nach wie vor drüber verfügen, sorgt bei jenen, die in nationalen Pesos bezahlt werden, für Unmut, besonders dann, wenn die Reichen ihre auf Karte kassierten Waren auch noch verscherbeln.

Welches System an die Stelle treten wird? Noch sind die Planspiele nicht beendet, doch fest steht, daß die Lage kompliziert bleiben wird: Angesichts der relativ niedrigen Produktivität ebenso wie angesichts der anhaltenden Krise einer per se ungerechten Weltwirtschaftsordnung, deren Handelspreise durch den Norden diktiert werden, bleiben die Einkommen recht gering. Trotz aller sozialer und kultureller Errungenschaften, die sich die Revolution vor allem in Sachen Bildung und Gesundheit, aber auch in Sachen Internationalismus und zwischenmenschliche Solidarität erkämpft hat: Kuba gehört zum sogenannten Trikont und wird weiter als »Entwicklungsland« nach UN-Kriterien geführt werden – ob im hektischen Havanna oder in der Provinz 800 Kilometer ostwärts.

Nach Osten

»Oriente«, so hieß bis 1976 der gesamte Landesteil im äußersten Osten, und er wird meist heute noch so genannt trotz der verwaltungstechnischen Aufteilung in die Provinzen Tunas, Holguín, Granma, Santiago de Cuba, Guantánamo. Osten bleibt Osten auf Kuba, nicht »ehemaliger Osten«, und als wir in die untergehende Sonne Richtung Holguín fliegen, wird es schneller dunkel als in Havanna. Dem Abendrot entgegen sozusagen, Genossen. Würde alles glatt laufen auf dem Inlandsflug? Nun, die angekündigte sowjetische Propellermaschine entpuppte sich als Düsenjet. Und 2009 ist nicht 1961.

1961 im Sommer verpaßte Bodo Uhse, einer der ersten Besucher des nachrevolutionären Kubas aus der DDR, der mit einem Frachter voller Solidaritätsgüter von Rostock aus über den großen Teich getuckert war, sein Flugzeug nach Santiago de Cuba. Glück gehabt, wie er am nächsten Morgen bemerkte. Da erfuhr er, daß der Flieger die reguläre Route zwangsweise verlassen mußte. Gekapert. Uhse berichtet: »Gestern schossen einige Passagiere, die sich mit dem Steward verbündet hatten, den bewaffneten Begleiter der Maschine nieder, setzten dem Piloten die noch rauchende Pistole ins Genick und zwangen ihn, Kurs auf Miami zu nehmen, wo die amerikanischen Behörden das Flugzeug beschlagnahmten; das zehnte, das sie sich auf diese Weise aneigneten.« Das war zweieinhalb Jahre nach der Revolution. Und wenige Monate nach den Ereignissen von »Playa Giron« 1961.

Vor 48 Jahren machte die »Schweine­bucht«-Invasion weltweit Schlagzeilen, jener Versuch eines wohlausgerüsteten 1500köpfigen Söldnerheeres aus Miami, die Revolution mit Waffengewalt zu vernichten. Unter ihnen ehemalige Offiziere und Folterer der Batista-Diktatur, die Söhne enteigneter Großgrundbesitzer und Plantagenmillionäre, die bis dahin für Schlagzeilen lediglich in den Gesellschaftsspalten der Yellowpress durch ihre Auftritte bei Cocktailpartys in Havannas Clubs der Reichen gesorgt hatten. Auch der im spanischen Bürgerkrieg an der Seite Francos agierende Pfarrer Ismael de Lugo war dabei, und US-Kriegsschiffe standen in Guantánamo und in der Karibischen See bereit, einzugreifen.

Am 19. April 1961, nach drei Tagen, an denen über hundert Kubanerinnen und Kubaner ihr Leben im Widerstand gegen die Konterrevolution verloren, war der – vom Sonnyboy-Präsidenten John F. Kennedy gebilligte – Spuk vorbei und die Invasoren vernichtend geschlagen. Der Sieg von Playa Giron ging in die Geschichte ein – auch deswegen, weil die von der CIA entwickelte Konzeption einen »Grundfehler« aufwies, »der in der Annahme bestand, das kubanische Volk werde mit Hochrufen, mit Blumensträußen und Kirchengeläut die Herren empfangen« – so Uhse, Schriftsteller, Kommunist, Interbrigadist in Spanien.

Geschichte von Aufständen

Seine Kuba-Reportage »Im Rhythmus der Conga« hatte es auch deswegen in sich, weil er in ihr mit den damaligen »objektiven« Urteilen der kommunistischen Weltbewegung über den »Abenteurer Castro« einiges geraderücken konnte – in Sachen Moncada ebenso wie in Sachen bewaffneter Kampf überhaupt. Kubas Erfolgsgeschichte als »territorio libre de America«, als erste freies Land Amerikas, ist eine Geschichte von Aufständen.

Von denen erzählt Holguín, Zentrum der gleichnamigen Provinz und Zwischenstation unserer Erkundungen auf den Spuren der Revolution, nicht viel, so scheint uns. Holguín, mit über 250000 Einwohnern viertgrößte Stadt der Insel, wirkt auf den ersten Blick großflächig-konturenlos, auf den zweiten fallen die vielen bunten Sonnenschirme aus Seide auf, meist getragen von Frauen, und auf den dritten die Statue des polnischen Papstes, die erste auf Kuba überhaupt. Vor zehn Jahren war er hier, Johannes Paul II., jede Menge Wünsche im Reisegepäck. Die enteigneten Kirchengüter erhielt er ebensowenig zurück wie die katholischen Schulen. Auch blieb die Genehmigung für konfessionellen Unterricht aus, doch immerhin wurde der 25. Dezember Feiertag. Und Fidel spricht heute noch respektvoll von dem Kirchenmann.

In Holguíns frisch restauriertem Regionalmuseum – »Papageienkäfig« heißt das Gebäude in Anlehnung an die buntfarbig uniformierten Kolonialsoldaten, die hier während des ersten Befreiungskriegs (1868–1878) eingesperrt waren – können die Knarre von Comandante Camilo Cienfuegos und der Patronengurt von Comandante Ernesto »Che« Guevara besichtigt werden. Und am Rande erwähnt Rebecca, die uns führt, daß »auf diesem Stuhl« Fidel Castro gesessen habe, vor fünf Jahren, als der Comandante en jefe Holguín besuchte, und wir lachen mit Rebecca. Damals hatte eine fürchterliche Dürre die gesamte Region im Schwitzkasten gehalten, und die Menschen bauten Zisternen in den Gärten, und Wasserwagen aus ganz Kuba wurden zusammengekarrt, und es dauerte verflucht lang bis zum ersten Regen.

»Bald ist der Kanal fertiggebaut«, meint Enrique Robier Rodriguey, der die Re­gion wie seine eigene Westentasche kennt, »ein architektonisches Meisterwerk«. Es unterquert die Berge in Tunneln und zieht sich über Hügel und durch Täler auf 60 Kilometern zum nächsten geeigneten See, um in Zukunft zu verhindern, daß je wieder das Wasser ausgeht. Eine Million Provinzeinwohner hängen davon ab. Und die insgesamt 11 267 000 Einwohner Kubas mehr oder weniger auch – oder doch zumindest die Biertrinker unter ihnen. In Holguín werden »Cristal«, »Bucanero« und die anderen Biere der Insel gebraut, die Technologie stammt aus der DDR und hat dessen Ende weitgehend unbeschadet überstanden.

Tourismus pur

Am Pool des Hotels, in dem wir untergekommen sind, fließt mehr Rum als Gerstensaft. Zwei dickbäuchige Glatzköpfe, Herkunft unbekannt, schenken johlenden Freunden nach, wenig Cola, viel Anejo, weißer einjähriger Havanna Club, unmäßige Mengen in glühender Sonne. »Cuba libre« bis zur Bewußtlosigkeit, es riecht nach Aggression, dunkelhäutige Frauen mit blondgefärbten Haaren versuchen, durch Mitlachen und Mitmachen die wachsende Hemmungslosigkeit der körpermächtigen wie zahlungskräftigen Gestalten zu dämpfen. Einer trägt tatsächlich ein T-Shirt, darauf steht »Ich Chef, du nix« – auf deutsch!

Zur Abreise dann geben die Gäste doch Trinkgeld. Zwei konvertible Pesos (CUC) oder fünf oder mehr; in der hochindustrialisierten Welt des Kapitals ein Klacks, der den Nehmer nicht reich macht. Auf Kuba doch: Der Animateur, die Putzfrau, der Barkeeper – alle diejenigen, die im Tourismus arbeiten, streichen für die Arbeit weniger Stunden mehr ein, als ein Arzt oder eine Pflegerin oder ein Lehrer oder eine Verkäuferin draußen, wo in Peso nacional bezahlt wird, im Monat verdient. Programmiertes Unrecht, nicht zu vermeiden in der »periodo especial«, nichtsdestotrotz paradox: Der Tourismus als Devisenbringer Nummer zwei – nach dem Export von Nickel – hat dem sozialistischen Gesellschaftssystem Überlebensmittel in die nach dem Ende der Sowjetunion leeren Kassen gespült. Und zugleich das angestrebte Ziel für eine gerechte Stellung des einzelnen konterkariert, und zwar zunehmend. »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen«?

Kuba bestreitet über 40 Prozent seiner Zahlungsbilanz aus dem Tourismus – 1990 waren es vier Prozent, und niemand weiß, ob die Revolution überhaupt noch existierte ohne dieses Übel, das keines wäre, gäbe es eine gerechte Weltordnung. »Während der Sonderperiode sind hier große Ungleichheiten entstanden«, stellt Fidel fest. Und sein Buder Raúl, der Präsident, sagt, was zunächst getan werden muß, um der Gleichheit wieder näherzukommen. Stichworte: Agrarreform, höhere Leistungslöhne, Zusammenführung der beiden Währungen.

Soviel zur Ökonomie. Und das Bewußtsein? Die Revolution könne sich nur selbst zerstören, meinte der damalige Staatschef in seiner berühmten Rede 2005 an der Universität von Havanna. Er wiederholt es bis heute und zitiert – als eine Art Gegengift zu Fehlern und Schwächen – José Marti: »Gebildet zu sein ist die einzige Möglichkeit, frei zu sein.« Und daß es »ohne Kultur keine Freiheit« gebe. Der Comandante en jefe schlußfolgert: »Wir müssen uns erneut verändern, denn wir haben sehr schwierige Zeiten durchgemacht, in denen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten entstanden sind.« Ob des Gelingens bleibt er Optimist aus Erfahrung.

Literatur

Fidel Castro: »Mein Leben. Im Gespräch mit Ignacio Ramonet.« Berlin, 2008
Bodo Uhse: »Im Rhythmus der Conga«, Berlin 1964
Heinz Langer: »Kuba. Die lebendige Revolu­tion«, Böklund 200

Teil 2: Die Wiege der Revolution

Oriente – wo alles begann: Impressionen aus Kubas wildem Osten 50 Jahre nach dem Sieg der Guerilla. Erinnerungen für die Zukunft (Teil 2 und Schluß)
Von Gerd Schumann

Das Kino in Bayamo heißt »Céspedes«, benannt nach Carlos Manuel de Céspedes. Der Besitzer einer Zuckermühle ließ am 10. Oktober 1868 seine Sklaven frei – ein Signal für die ganze Insel

»Ich würde denjenigen, die Zweifel haben oder uns verurteilen, weil sie bestimmte Ideen haben, sagen, daß sie überlegen sollen, wie dieses kleine Land fast ein halbes Jahrhundert den heftigen Angriffen der mächtigsten Macht standhalten konnte. Das kann man nur auf der Basis von Prinzipien, von Ideen und Ethik erreichen.«

(Fidel Castro; aus: »Mein Leben«, Fidel Castro im Gespräch mit Ignacio Ramonet, Berlin 2008)

Nein, eine Zuckerfabrik haben wir nicht besichtigt. Es gibt nicht mehr so viele. Kuba als »Zuckerinsel« ist Vergangenheit. Gut, Biozucker läßt sich noch verkaufen, sogar zunehmend besser, Rum natürlich, doch ansonsten ist der Zuckerrohranbau unproduktiv geworden. Die Kosten übersteigen den Erlös. Andere Länder produzieren größere Mengen billiger. Die Kubaner mußten sich den kapitalistischen Gesetzen des Weltmarktes unterwerfen und schlußfolgerten auf Tausenden Versammlungen mit über 900000 Beteiligten, daß sie sich den Zucker nicht mehr leisten konnten. Siebzig Fabriken geschlossen, den Output auf ein Zehntel reduziert – gemessen an den großen Safras, den Zuckerrohrernten, an denen noch Ernesto Che Guevara teilnahm, der Minister.

Nun sitzen wir im zentralen Park von Bayamo. »Balkon der Sierra Maestra« wird die alte Kolonialstadt wegen ihrer Nähe zum Kerngebiet des wilden kubanischen Ostens auch genannt. Das Denkmal links von uns zeigt Carlos Manuel de Céspedes, der Platz ist nach ihm benannt, sein Geburtshaus liegt an einer Seite, schräg gegenüber das Kino, das heißt »Céspedes« – »Das Leben ein Flüstern« und irgendein Hollywood-Action-Film laufen gerade, Eintritt 50 Centavos für Jugendliche, Erwachsene zahlen einen Peso (vier Eurocent).

Céspedes, »Vater der Nation« genannt, war Besitzer einer kleinen Zuckermühle. Er setzte am 10. Oktober 1868 ein historisches Signal, als er seine Sklaven freiließ und »mit dieser Aktion auf revolutionäre Weise die Abschaffung der Sklaverei in Kuba verfügte« (Fidel Castro). Zehn Tage später wurde Bayamo, 1513 als zweite Siedlung der Spanier auf Kuba gegründet, Hauptstadt der »Aufständischen Republik«. Der erste Unabhängigkeitskrieg gegen die Fremdherrschaft Madrids hatte begonnen. Er ging zehn Jahre später verloren, doch waren Hunderttausende von der westafrikanischen Küste Verschleppte freigekommen. Und Bayamo bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Aufständischen selbst hatten ihre Stadt zerstört, als die Kolonialtruppen ante portas standen – auch ein Signal: Dafür, sich nicht brechen lassen zu wollen.

In der Sierra

Runter vom Balkon, raus aus Bayamo, rauf in die Sierra. »Tania la Guerrillera« steht als Schriftzug an der Bibliothek von Baire. Kurz vor Contramaestre biegen wir rechts ab und landen nach Dutzenden Kilometern auf unbefestigtem Weg mitten im Dschungel. Dort kämpfte einst die dritte Front der Guerilla, 55 Männer und zwei Frauen stark. »El Salton«, der »große Wasserfall«, stürzt sich aus zwanzig Metern herab. Oberhalb wohnen Huberto Rodriguez (82), seine Frau Maria (76) und einige jüngere Leute aus ihrer Familie. Die bauen Kaffee an und laden uns ein zu einer starken Tasse, heiß und süß, eine Mischung aus den Sorten Arabica und Robusto.

Vor fünf Jahren raste der Hurrikan »Dennis« über das Land und zerstörte die Hütten der Rodriguez’. Vom Staat erhielten sie Aufbauhilfe, die reichte, um ein Steinhaus aufzumauern und mit Schindeln aus Beton zu decken. Ein kleines Radio auf dem Tisch, Lampen mit Energiesparbirnen, die Arztstation ist nicht weit weg, doch für die Operation an der Galle mußte der Alte ins Krankenhaus. Jetzt lacht er wieder breit, zeigt seine Riesenlücke – einer der wenigen Zahnlosen, die mir auf Kuba begegneten. Wenn der Zustand der Zähne Rückschlüsse auf den Zustand der Gesellschaft zuläßt, steht es gut um die Revolution. Oder doch zumindest um das Gesundheitswesen.

Ein schwerer Regen aus dicken, dicht an dicht fallenden Tropfen macht das Grün noch satter und die Menschen in Minutenschnelle naß bis auf die Haut. Hier hielt sich die Guerilla über Jahre, ein unwirtliches Stück Erde bei diesem Wetter. Die »Tercer Front« der Bewegung 26. Juli (M 26-7), wie sich die Guerilla der Bärtigen nach dem Datum des schicksalhaften Angriffs auf die Moncada-Kaserne 1953 nannte, hatte hier ihr Hauptquartier.

Nahe des 1000-Einwohner-Orts Cruce de los Banos befindet sich heute ein das Tal überragendes Monument. Auf dem Friedhof unter Palmen wird Hunderter Opfer der Reaktion gedacht. Moncada 1953, der Guerillakrieg vom 2. Dezember 1956 bis 1. Januar 1959, Schweinebucht 1961, konterrevolutionäre Banden, die die CIA bis Mitte der sechziger Jahre im kubanischen Gebirge unterhielt, Ches Kongo-Abenteuer 1965, Bolivien, Zehntausende kubanische Internationalisten in Angola gegen die von Südafrika und den USA ausgehaltene Söldnertruppe von Jonas Savimbi, dann die Bombenattacke auf Flug CU-455 1976, als 73 Passagiere starben.

Von alldem erzählt der Friedhof – und Angela Marina, die Fremdenführerin, zeigt auf einige unbeschriftete Grabplatten. Eines Tages werden hier weitere Revolutionäre beigesetzt werden. »Ja, auch Juan Almeida«, bestätigt sie. Almeida, neben Fidel und Raúl einer der drei noch lebenden Comandantes der »M 26-7«, nahm schon an »Fidel Castros erster Schlacht«, so der französische Schriftsteller Robert Merle in seinem Buch »Moncada«, teil. Drei Angreifer starben im Kampf, 66 wurden nach ihrer Gefangennahme zu Tode gefoltert. Ihre Schreie erschütterten damals ganz Kuba, drangen in die Ohren der Menschen und erzeugten eine Wut, die nicht mehr nachließ bis zum Sieg der Revolution.

Ideen und Ideale

Das Ideal, wie Che zu sein, prägt nicht nur das kubanische Bildungswesen, die Ideen der Guerilla sind alltäglich präsent und vor allem, wenn es hart auf hart geht. Ich erinnere mich an die beiden alten Herren, damals zu Beginn der Spezialperiode vor fast zwanzig Jahren, als der Zusammenbruch des europäischen Sozialismus das Land in die schwerste Krise nach der Revolution stürzte. In Ciu­dad Camilo Cienfuegos besuchte ich sie auf ihrem schmalen, aber langgestreckten Streifen Land.

Die Regierung hatte 1991 angesichts der Nahrungsmittelknappheit appelliert, freie landwirtschaftliche Nutzflächen zu besetzen und urbar zu machen. Von diesen gab es viele. Und die beiden Alten, Strohhüte auf den Köpfen, Macheten in den Händen, begannen mit ihrem Werk, weil sie ja was tun mußten. Der Comandante en jefe hätte es schließlich befohlen. Damals entstanden massenhaft Schrebergärten und Gärtnereibetriebe. 1994 kamen so 4200 Tonnen zusätzliche Überlebensmittel zusammen, 2003 waren es 3,7 Millionen Tonnen, erzeugt von Hunderten neuen Betrieben.

Kuba besitzt fruchtbare Böden, und auch Präsident Raúl Castro appelliert und spricht von einer zentralen Rolle, die der Landwirtschaft zufällt – die Agrarreform als Initialzündung zur Stärkung der Binnenwirtschaft, sozusagen. Magali Caltero, eine Bäuerin aus der Gegend von Baire, stimmt dem zu, wendet jedoch zugleich ein: »Ohne Maschinen ist hier schwer was zu machen.« Sie und ihr Mann, ein Lehrer, hätten auch »hin und her überlegt«, ob sie die über 50 Hektar, die sie als Eigenbesitz erhalten könnten, beantragen wollten. Sie denken weiter drüber nach.

Hier im Osten, den Oriente-Provinzen, in der Sierra Maestra, der Region Santiago bis hin nach Guantánamo, präsentiert sich neben ebenen Flächen jede Menge Hügelland, viel Geröll, kaum zu pflügen, Urbarmachung aufwendig, der Verdienst, wenn er denn irgendwann erzielt werden kann, gering. Dazu die unbarmherzige Hitze des Mittags und Nachmittags. Die beiden Rentner aus Ciudad Camilo Cienfuegos, die dem Ruf zur Bepflanzung eines eigenen Gartens folgten, waren stolz auf ihre Leistung, erwähnten am Rande jedoch auch Mühen, »Mühen der Ebene«, sagte der eine und schmunzelte.

Immer noch muß Kuba über 30 Prozent seiner Lebensmittel importieren. Große Probleme gibt es anhaltend in der Rinderzucht und Milchproduktion – trotz des ausdauernden Internationalismus beispielsweise von der deutschen Solidaritätsorgansiation »Cuba Si«, die bisher etwa zehn Stallanlagen aufbaute, in denen Milch für bis zu 100000 Kinder produziert wird. Die genetische Umstellung des Milchviehbestands, so Experten, von Kraftfutter auf Weide erweist sich als langwierig. Devisen gehen weiter für Lebensmittel drauf, Gelder, die anderswo fehlen. Wie bei der Mechanisierung der Landwirtschaft oder Intensivierung der Produktion oder Technisierung der Forschung. Und der Produktivitätssprung bleibt aus.

Eine zwingende Logik, nachvollziehbar – und doch verblüfft sie den Besucher aus dem kapitalistischen Ausland, wo sich die Produktion nicht nach den Notwendigkeiten einer gesellschaftlichen Vernunft richtet. Ein bestechender Gedanke: Mit der eigenen Arbeit nicht nur den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, sondern zugleich eine gerechte Gesellschaft mitzugestalten, die letztlich den Sprung vom Ego zum Wir öffnet und dabei zugleich auf die Fähigkeiten des einzelnen setzt.

Guantánamo Bay

Station Guantánamo. Die Stadt, 200000 Einwohner, döst in der Mittagssonne, die zentrale Markthalle, eine ummauertes Gelände mit pompösem Eingangstor aus Kolonialzeiten, leert sich. Es ist Sonntag und Mittag und Guantánamera, das – nach einem Text von José Marti – vielbesungene Mädchen aus Guantánamo, kocht heute schwarze Bohnen mit Reis und Schweinefleisch. Auf dem Markt in Guantánamo gibt es alles, die Frage ist nur, zu welchem Preis. Und unser Freund Enrique meint, eines der großen Übel bestehe darin, daß der Handel – der Mittler zwischen Produzent und Verbraucher – regelrecht absahnt. »Bis zum Vierfachen schlagen sie drauf. Der Staat hat zwar Höchstgrenzen festgelegt, doch letztlich realisiert sich der Preis auf dem Markt. Und der gibt es her.« So daß sich auch hier, wo mit peso nacional bezahlt wird, mancher den Einkauf nicht leisten kann.

Wir durchqueren Oriente weiter, fahren durch abgeerntete Maisfelder. Das karibische Meer ist nicht zu sehen, nur öde stoppelige Weiten, durch die sich die Teerstraße zieht. Selbst die Bäume am Rand machen einen zerzausten Eindruck, aber das mag unserem Gemütszustand geschuldet sein. Die riesigen Landflächen waren einst die Domänen von US-Gesellschaften wie der West India Company oder United Fruit, und wir nähern uns Guantánamo Bay, dem Terrain, auf dem die USA seit über hundert Jahren nicht nur ihren von Minen umgebenen Marinestützpunkt betreiben, eine ständige Drohung an das souveräne Kuba, ein Anachronismus, der das Ende des Kolonialismus überlebt und sich in den unipolar diktierten Neokolonialismus hinübergerettet hat. Auch einige hundert Verdammte dieser Erde wurden hier gehalten in orangen Einheitspyjamas, mißhandelt, rechtlos, vergessen. Und sitzen – Obama hin oder her – immer noch hinter Stacheldraht, in der Zone, die nur Willkür kennt. Das alles auf einer Armeebasis, die nach internationalem Recht längst hätte geschleift werden müssen.

Auch eine gerechte Weltwirtschaftsordnung existiert nicht. Die Zuckerpreise werden vom Westen diktiert, die globale Krise ließ den Kurs für Nickel, Kubas Haupteinnahmequelle, auf ein Viertel schrumpfen, und um den Qualitätskakao aus Baracoa steht es auch nicht gut. Hier eröffnete Guevara einst die Fabrik, sorgte dafür, daß das »Ende der Welt«, wie diese Ecke auf Kuba auch genannt wurde, weil sie über keinerlei verkehrstauglichen Anschluß nach Guantánamo im Südosten und Holguín im Norden verfügte. Ein Kaff, erste Siedlung der spanischen Kolonisatoren, mit Festungen bestückt wegen der Lage im äußersten südöstlichen Zipfel der Insel, aber abgekoppelt, und es heißt, in Baracoa ticken die Uhren heute noch anders als im übrigen Kuba.

Im August vergangenen Jahres tauchten hier zwei Wale auf, draußen in der Karibik, aber doch deutlich zu erkennen, und sorgten für Massenaufläufe. »Hätten wir doch auf die Natur gehört«, kommentiert ein Mann an der Uferstraße, und erzählt, daß einige Wochen später eine tsunami-artige riesige Flutwelle auf die Stadt traf und fünfstöckige Häuser unter Wasser setzte. Die Renovierungsarbeiten dauern an. Auch im Stadtkern selbst, wo ein Denkmal für den legendären Indigenenführer Hatuey steht, 1512 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nun als Skulptur der katholischen Kirche die spitze Nase zeigend.

Natur-Kontraste

Naturgewalten schlugen in den vergangenen Jahren tiefe Wunden auf der Insel, und die Hurrikankatastrophen Mitte vergangenen Jahres forderten erstmals seit langem Menschenopfer – trotz Evakuierungsplänen, Langzeitwarnsystem. Und trotz aller Versuche, durch eine nachhaltige Umweltpolitik Einfluß zu nehmen auf die Natur. Bereits in den Sechzigern ließ die Revolutionsregierung 348 Millionen Bäume pflanzen. Die Nationalversammlung wies ein Fünftel des Landes als Naturschutzgebiet aus. Und jüngst wurden »überall auf der Insel 15 Millionen chinesische Energiesparlampen installiert und stromfressende Kühlschränke gegen drei Millionen neue, umweltfreundliche ausgetauscht«, so Geo Spezial (1/2009).

Wir verlassen die riesige grüne Oase, den »Alexander-von-Humboldt-Nationalpark«, der sich hinter Baracoa ausstreckt. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Über Kilometer dehnt sich eine rostbraune Riesenfläche, dreckig-dunkles Wasser im Fluß, vor uns liegt Moa, die rote Bergbaustadt am Atlantik – »rot« wegen der eingefärbten Natur. Hier lagern die zweitgrößten Nickelvorkommen weltweit – ein begehrter Stoff, im Joint venture mit der kanadischen Sherritt International Corp. und der australischen Mining Co. ausgebeutet. Die kapitalistischen Konzerne haben die sowjetischen Partner von einst längst abgelöst.

Beim Durchqueren der lädierten Landschaft fällt mir Werner Bräunigs »Rummelplatz« ein, der Roman vom Alltag in den Gründerjahren der DDR, sowjetische Aktiengesellschaft Wismut, dort, wo Moskau Uran abbauen ließ. Das Buch handelt vom Aufbau des Sozialismus ebendort und erzählt von den Schwierigkeiten, aber zugleich von der Machbarkeit. »Nie mehr komm’n die Tanker nun/ her aus der Sowjet­union«, sang Gerhard Gundermann viel später, 1989, als er auf Kuba war. In Moa heute heißt das von den Kubanern geleitete Nickelwerk immer noch »Ernesto Che Guevara«.

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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