Kuba und die (europäischen) Medien

Eine Stellungnahme des Netzwerks Cuba, eines Zusammenschlusses der Cuba-Solidaritätsbewegung in Deuitschland, zur gegenwärtigen Medienkampagne gegen die sozialistische Insel. Entnommen aus Red Globe vom 13.04.2010

„Endlich!“, so glaubt man den Stoßseufzer der bürgerlichen Presse zu vernehmen. Schließlich war es Fidels weniger spektakulärem Bruder Raúl lange Zeit gelungen, die „rote Insel“ durch einen unaufgeregten, pragmatischen Führungsstil aus den Schlagzeilen der sogenannten freien westlichen Welt herauszuhalten. Das war jedoch nie in deren Sinne. Wie, bittschön, soll man einen zünftigen Abgesang auf den Sozialismus betreiben, wenn der unverrückbare Vorposten in der Schlacht, nämlich Cuba, sich weigert, den journalistischen Kanonen der Demokratie die Breitseite zu bieten?

Da kommt es doch überaus zupass, dass sich kürzlich ein cubanischer Gefängnisinsasse, ein Orlando Zapata, für das von ihm eingeforderte Recht auf einen eigenen Fernsehapparat und ein eigenes Handy in seiner Zelle zu Tode hungerte. Dass dieser Häftling kein politischer war, sondern wegen schwerer Körperverletzung einsaß – wen interessiert das? Und dass die Ärzte im Hospital „Armejeiras“ in Havanna bis zuletzt alles Erdenkliche taten, um sein Sterben zu verhindern – wer zum Teufel will das wissen? Ein Dissident war er. Was denn sonst!

Inzwischen gibt es einen weiteren in Hungerstreik Getretenen in Cuba, Guillermo Farinas, der, anders als der erste, sich selbst als politisches Opfer der „Castro Diktatur“ outete (statt nachträglich dazu stilisiert zu werden). Er scheint in Verbindung mit der Miami-Connection zu stehen, weshalb ihm ein etwas kühleres Kalkül zuzutrauen ist, wenn es letztlich um sein Leben geht. Überdies wird er wissen, dass es Sinn macht, ein medienwirksames Süppchen so lange wie möglich am Kochen zu halten. Dass seine Mutter, eine frühere Krankenschwester, die ihren Sohn gemeinsam mit den cubanischen Ärzten Tag und Nacht betreut, zitiert wird mit den Worten „Ich billige diesen Hungerstreik nicht und teile nicht die Ideen meines Sohnes.“, ergibt eine pikante Fußnote zum Fall.

Es ist ja ein immer wiederkehrendes Faszinosum, zu beobachten, wie die schreibende Zunft monströse, atemlos machende, exorbitante politische Verbrechen, die – irgendwie – nicht in ihr redaktionelles Konzept passen wollen, im Dornröschenschlaf verpennt, um dann, wenn der Weckruf „Cuba“ ertönt, in 6,2 sek. auf 100 km/h zu beschleunigen und ihre heilige Empörung zu zelebrieren und billige Krokodilstränen zu vergießen.

Das Europäische Parlament hat auch schon pflichtschuldig reagiert, indem es die Einhaltung der Menschenrechte in Cuba einforderte. Same procedure as usual.
Unser Europaparlament. Ach, je! Wenn man in punkto Cuba seine Seriosität in Frage stellt, so ist das noch zurückhaltend formuliert. Man könnte zuweilen an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Als Beispiel hierfür mag der Vorfall im November 2004 dienen, als besagtes hohes Haus Fidel Castro mal wieder in der sattsam bekannten Art anpinkelte. Besonderes Interesse verdient der Paragraph G, in dem Cuba u.a. für die Verhältnisse im Lager von Guantánamo (!) verantwortlich gemacht wird. Das Dokument war bereits verabschiedet, als einigen Leuten im Parlament die totale Idiotie dieses Passus auffiel, dessen Streichung sie daraufhin beantragten. Dies wurde brüsk abgelehnt, übrigens mit einer größeren Mehrheit, als die erste Abstimmung erbracht hatte.
Warum wir nichts von dieser Riesenblamage erfuhren? Weil es nicht im Interesse der hiesigen Presse gelegen hätte, uns wissen zu lassen, dass die überwiegende Anzahl der Anticubaner im Europäischen Parlament wohl schlicht und einfach Schwachköpfe sind. Hier treffen sie sich mit den Anticubanern des US-Kongresses, die sich mental noch im Kalten Krieg befinden und in denen in Zeiten des Untergangs ihres tönernen Weltmachtsystems eine Alternative auf dem Kontinent immer noch nicht gefällt. In der besagten EU-Resolution maßen sich die EU-Abgeordneten vor allem an, wie ihre US-Kollegen dies schon seit Beginn des freien und sozialistischen Cuba tun, künftig die Opposition in Cuba zu unterstützen.

30.000 Menschen wurden in Kolumbien aus politischen Gründen exekutiert. Das ist die Zahl, die staatlicherseits zugegeben wurde. Die Dunkelziffer liegt vermutlich um ein Vielfaches höher. Hat irgendein Schreibtischtäter hierzulande darüber eine schlaflose Nacht verbracht? Kaum anzunehmen. Schließlich gilt Kolumbien als ein Bollwerk der Freiheit und Demokratie gegen Chavez’ Venezuela und die USA haben dort erst kürzlich einen Persilschein ausgestellt bekommen, sieben neue Militärbasen zu installieren – natürlich nur mit dem hehren Ziel, den Drogenhandel zu bekämpfen. Da hält man europäischerseits doch besser das Maul, ehe man es sich verbrennt! Man lese ruhig die diversen Menschenrechtsberichte angesehener NGOs – da haben die EU-Länder selber viel und wirklichen Dreck am Stecken! Doch welche BLÖD-Zeitung oder welcher DRECK-Sender wird das schon tun?
Moral von der Geschichte: Den menschenrechtsbeflissenen Moralisten sollte man erst dann raushängen lassen, wenn ein cubanischer Häftling den Ärzten unter den Fingern weg freiwillig stirbt.

Netzwerk Cuba

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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