Kubanische Ärzte fliehen aus Venezuela

Edgar GÖLL zum Artikel von Wolfgang Kunath, Rio de Janeiro vom 2. Mai 2010, in der NZZ am Sonntag

Sehr geehrter Herr Kunath,
sehr geehrte Damen und Herren,
seit meinem Soziologiestudium in den 1980er Jahren bin ich Leser der NZZ und immer noch häufig angetan über die Analysen insbesondere über andere Länder und Kulturen. Es gibt allerdings zumindest ein Land, bei dessen journalistischer Behandlung allem Anschein nach sämtliche Qualitätsstandards über Bord bzw. in die Gletscherspalte geworfen werden: Cuba.
Ich habe nach diversen Auslandsaufenthalten selbstverständlich Verständnis für Westeuropäer, die aus ihrer eurozentrischen Position heraus auch andere Länder und Kulturen zu beschreiben und zu bewerten versuchen. Dass sie ihren Klischees verhaftet sind, ist äußerst wahrscheinlich, dass sie damit die Haltung der USA oder der EU reproduzieren, ist zu erwarten. Aber eigenständiges kritisches und selbstreflexives Denken scheint sich aus den westeuropäsichen Redaktionen – leider leider auch der NZZ, die zunehmend dem Profitmaximierungszwang erliegen – immer mehr zu verabschieden.

Die Angelegenheit wird allerdings obszön, wenn – wie Sie dies in Ihrem Artikel „Kubanische Ärzte fliehen aus Venezuela“ taten – Opfer zu Tätern stilisiert und Unrecht unter den Teppich gekehrt, ja nicht einmal als solches erkannt und benannt wird. Vielleicht ist es schon eine Art Gewöhnung, eine erneute Aggression der US-Administration gegen das souveräne Cuba gewissermaßen als Manko des kubanischen Gesellschaftssystems zu verstehen und zu „verkaufen“ und damit ein im Westen verbreitetes aber nicht zutreffendes Klischee bedienen.

Ich möchte hier keine umfassende, systematische und tiefschürfende Analyse Ihres Artikels vorlegen, sondern lediglich auf 2 Punkte eingehen.
(1) Sie formulieren: „Kubanische Ärzte fliehen massenhaft“. Dazu ist folgendes zu sagen:

* die Tatsache, dass kubanische Ärzte als bestens qualifizierte Fachkräfte gelten und überhaupt in hinreichender Zahl existieren, während die Gesundheitsbereiche fast aller Nachbarländer – die USA eingeschlossen! – des Roten Inselstaates unterversorgt/-entwickelt sind, wird nicht thematisiert.
* es müssen also in etlichen armen Ländern Ärzte aus Cuba sein und arbeiten, oft in Gegenden, wo einheimisches (oder auch westliches) medizinisches Personal sich nicht hinwagt – auch dies ist keine Erwähnung oder gar Würdigung wert (wenn dagegen eine Handvoll schweizer oder deutscher Ärzte für einige Wochen nach Afrika gehen wird daraus eine Filmdokumentation produziert).
* wieso fliehen etwa 5 – 10 % dieser Ärzte? Wollen sie Freiheit in den USA oder nicht vielmehr ein materiell besseres – „westliches“ Leben führen? Weshalb bleiben 90 – 95 % der Ärzte und tun ihren Dienst für Cuba und die Menschen vor Ort? (diese außergewöhnlich hohe Moral ist in unseren Ländern undenkbar, wo das Gesundheitswesen der Profitmaximierung geopfert wird…)
* wenn andere lateinamerikanische Staatsangehörige (naja: Ärzte haben sie ja kaum) ähnliche Angebote der USA erhielten, wären deren Länder bzw. Kliniken und Arztpraxen binnen Wochenfrist leergefegt. (machen die US-Behörden dies aus Menschenliebe?)
* und dann der „Hammer“: wieso verlieren Sie kein Wort über die Hintergründe dieser „Flucht“? Weshalb erwähnen Sie nicht in hinreichendem Maße das extrem obszöne CMPP?

(2) In zwei lapidaren Sätzen am Ende Ihres Artikels erwähnen Sie, die USA würden es nun cubanischen Ärzten „erleichtern“ (sic! ist das etwa „unsere Art von Freiheit“?), sich in andere Länder abzusetzen! Ja, allerdings: im Jahre 2006 schuf die US-Administration ein weiteres Instrument in ihrem mittlerweile gigantischen und monströsen Arsenal zur Unterminierung und Schädigung des souveränen Cuba: die „Cuban Medical Professional Parole“ (CMPP): cubanischen Ärzten, die im Ausland arbeiten, und dort meist arme Bevölkerungsschichten versorgen, werden durch besondere Lockangebote aus Washington dazu verleitet, in die USA auszuwandern und Cuba den Rücken zu kehren. Dass Sie dies nicht weiter analysieren und beleuchten, halte ich für skandalös:

* Mit dem „Abwerben“ cubanischer Ärzte verlieren die betroffenen Orte ihre medizinische Versorung (oder ist Ihnen bekannt, dass die USA statt hochgerüsteten Soldaten Ärzte in solche Gegenden entsenden?)
* Mit dem „Abwerben“ cubanischer Ärzte verliert die cubanische Gesellschaft Fachkräfte, in die kostbare Ausbildung und Qualifizierung investiert wurde (es erfolgt eine Art erpresserischer „Brain Drain“, eine neue moderne Form des Raubes).
Ich empfehle Ihnen zur Lektüre über das weithin hochgeschätzte Engagement medizinischen Personals aus Cuba weder cubanische „Propaganda“ noch linke „Märchen“ sondern einen diesbezüglichen Beitrag aus der FINANCIAL TIMES (May 15 2010) von Andrew Jack mit dem Titel “Cuba’s medical diplomacy” (Zugriff: http://www.ft.com/cms/s/2/debaad0c-5d6e-11df-8373-00144feab49a.html).

Ich vermag es erst einmal nur als Verrohung der „Sitten” – in diesem Fall der journalistischen Professionswerte – anzusehen, wenn die (Auslands)Redaktion einer angesehenen deutschsprachigen Tageszeitung diese Aggressionen der Supermacht leichtfertig abtut und nicht als unfreundlichen, ja aggressiven und skandalösen Akt versteht. Oder trauen sich hier einige Redaktionsmitglieder nicht, Roß & Reiter zu nennen, wenn es sich bei den Tätern um die alten dicken Freunde in Washington handelt?

Es scheint geradezu, als würde das sozialistische Cuba humanitäre Aktivitäten durchführen, die von westlichen, also kommerziell überzüchteten Menschen kaum noch wahrgenommen und wertgeschätzt werden können; es scheint, dass die neoliberale Aufrüstung und instrumentalistische Zurichtung der Köpfe & Herzen ein bedenkliches Ausmaß erreicht hat. Dass die NZZ damit „infiziert“ ist, wäre äußerst bedauerlich.

Gerade Persönlichkeiten und Institutionen aus der „neutralen“ Schweiz stünde es doch gut zu Gesicht, da es mangels diplomatischer Kultur der USA gegenüber Cuba deren Interessenvertretung in Havanna unterstützt, den HERRschaften in Washington die ein oder andere Levite zu lesen – in gebührender Weise. Die freiheitliche Tradition sollte doch eher dazu orientieren, den Wilhelm Tell zu unterstützen, statt den mit Stars & Stripes bemalten Gessler-Hut!

Mit äußerst besorgten Grüßen
und in Erwartung einer plausiblen Erläuterung und Stellungnahme
Edgar Göll

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Autor: Gigs Buchinger

Liedermacher- und Sänger Kulturarbeiter Soli Arbeiter

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