Rede von Cornelia Broos am Silvesterstammtisch

Da meine Rede ein Nachruf auf Commandante Fidel Castro Ruz sein soll, möchte ich heute weniger über das politische System Kubas sprechen, sondern meine persönlichen Eindrücke und meine Verbindung zur Person Fidel.
Warum war und ist Fidel unumstritten in Kuba? Ich habe 2007 sieben Monate in Kuba verbracht und was mir aufgefallen ist: die KubanerInnen sind ähnlich den WienerInnen ständig am kritisieren, nörgeln und sudern. Am liebsten über die Verwaltung, die Politik, was alles nicht funktioniert und natürlich über das Wetter.
Einen aber kritisieren sie selten: Fidel Castro!
Daher habe ich versucht herauszufinden, was Fidel ausgemacht hat und in Gesprächen bekam ich eine Idee davon, was Fidel für die KubanerInnen bedeutet.
Um das zu verstehen muss man sich die Geschichte des Landes ansehen. Kuba vor 1959: seit der Ankunft Christopher Columbus in Kuba war die Insel Kolonie. Die indigene Bevölkerung wurde innerhalb weniger Jahre durch die SpanierInnen ausgerottet. (Kuba war aber auch immer widerständig: Hatuey, Häuptling der Taíno leitete den ersten Widerstand um 1500. Er sei vor seiner Hinrichtung von einem Priester gedrängt worden, sich taufen zu lassen, um in den Himmel zu kommen. Hatuey soll darauf gefragt haben, wohin die Christen nach ihrem Tode kämen. Als daraufhin der Priester erklärte, alle Christen kämen in den Himmel, wenn sie gut waren, soll Hatuey, geantwortet haben, er wolle nicht dorthin, wo die Spanier sind, um mit derart grausamen Menschen nicht zusammen zu sein. Als die indigene Bevölkerung gänzlich vernichtet war, holte man Sklaven vorwiegend aus dem Gebiet des heutigen Kongo als Arbeitskräfte ins Land.
Kolonisation bedeutet ein System der grausamsten und vollständigsten Ausbeutung von Mensch und Natur durch die imperialen Kräfte. Ganz egal, ob es die SpanierInnen, die FranzosInnenen oder die us-AmerikanerInnen waren. Das Land und die EinwohnerInnen hatten ihre einzige Existenzberechtigung für die Herrschenden im absoluten Gehorsam, Unterwerfung und Abgabe aller Ressourcen. Eigene Kultur, Sprache, Traditionen standen solchen Ausbeutungsmechanismen nur im Weg und wurden gnadenlos unterdrückt und verfolgt.
Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine große Widerstandsbewegung in Kuba gegen die spanischen BesetzerInnen angeführt durch Carlos Manuel de Céspedes. Berühmtester Vertreter dieser Zeit war José Martí, der bis heute als Nationalheld und wichtigster Philosoph in Kuba gefeiert wird. Doch warum? Dies waren zum ersten Mal in der Geschichte spanisch stämmige Menschen, die sich als Kubaner definierten. Sie haben für die Unabhängigkeit des Landes und das Recht der BewohnerInnen auf ihre eigene Kultur, Geschichte und Anspruch auf Mitbestimmung gekämpft. Das war ein Novum in der Geschichte und das macht sie so wichtig für die Geschichte des Landes. Knapp vor dem Sieg der Widerstandsbewegung meldete sich die USA, und als der Sieg eigentlich schon klar war, marschierten die USA als RetterInnen ein und kolonialisierten das Land neu. Wieder nichts mit Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und eigener Nation.
Bevor Fidel kam, war das Land 50 Jahre lang das Spielcasino und Bordell der USA. Die Analphabetenquote lag bei über 80% und die Lebenserwartung war extrem niedrig. Wer nicht bis zur totalen Erschöpfung als „formell freie“ Arbeitssklaven auf den Feldern der United Fruit Company arbeitete, musste seinen Körper oder seine Arbeitskraft anderweitig verschenken. Die US AmerikanerInnen schikanierten die KubanerInnen, deren Werte, Traditionen und Kultur in ihren Augen nichts wert waren.
Fidel Castro Ruz, ein gebildeter spanisch stämmiger Kubaner, der sich auch als Kubaner definierte und bereits in seiner Jugend gegen die Kolonialmacht der USA protestierte, startete 1953 mit dem Sturm auf die Moncada-Kaserne eine Bewegung, die nach vielen Fehlschlägen – nach fast 7 Jahren schließlich erfolgreich war. Das wesentliche war: zum ersten Mal siegte das kubanische Volk ohne fremde Hilfe, zum ersten Mal konnten sich die Menschen als Nation definieren, zum ersten Mal war eine Selbstbestimmung über ihr eigenes Land erreicht. Fidel machte es möglich, stolzeR KubanerIn zu sein. Diese Tatsache gibt Fidel Castro bis heute seinen Stellenwert in den Herzen den KubanerInnen – nicht nur seine politischen und sozialen Reformen auf die ich gleich eingehen möchte, sondern in erster Linie die Tatsache, dass er es möglich machte KubanerIn zu sein. Dafür danken ihm die Menschen bis heute, denn die Kollektivtraumatisierung der Kolonisation ist auch bis heute tief in den Köpfen der Menschen und sicher noch lange nicht vergessen.
Und dieser Idee eines selbstbestimmten eigenständigen Kubas ohne Unterdrückung entsprachen auch die ersten Dekrete der revolutionären Zentralkomitees nach dem Sieg der Revolution: In der ersten Agrarreform wurden 10.000 Großgrundbesitzer enteignet – darunter auch große Firmen wie Barcadi oder die United Fruit Company. 150.000 Bauernfamilien erhielten Land. Viehfarmen wurden Staatseigentum, Zuckerplantagen Eigentum von Kooperativen; damit war der Staat im Besitz von 41% der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Aber auch ganz banale Änderungen, wie das Dekret, dass Strände nicht in Privatbesitz sein dürfen und für alle zugänglich zu machen sind, bedeutete für die KubanerInnen das Recht auf ihr Land zu erhalten.
Im Rahmen von Sozialreform wurden noch im ersten Jahr: die Mieten herabgesetzt, Villen beschlagnahmt, Wohnungsprogramme gestartet, die Minimallöhne erhöht, Arbeitsplätzen geschaffen, eine Sozialversicherung und das Gesundheitswesen aufgebaut, sowie demokratische Massenorganisationen geschaffen.
Es war das erste Mal, dass die Menschen Gesundheitsversorgung, Bildung und soziale Absicherung erhielten. Julita Lazara González Guerra, eine Freundin der ÖKG OÖ sprach bei einer unseren Veranstaltungen diesen Sommer über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit der Revolution und ihren Alltag in Kuba. Ihre Oma hatte keine Chance auf Schulbildung. Sie und die ganze Familie mussten bei reichen Leuten putzen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Das ist seit der Kubanischen Revolution ganz anders. Julita hatte die Möglichkeit als erste in der Familie Transportlogistik zu studieren und arbeitet seit Jahren in der kubanischen Gewerkschaft. Durch die hervorragende und kostenlose medizinische Versorgung, hatte sie sogar die Chance, ein Kind zu bekommen, indem medizinische Behandlungen angewandt wurden. Das wäre alles vor 1959 undenkbar gewesen.
Was hat Fidel Castro also erreicht in seiner Amtszeit als Präsident:
9 jährige Schulpflicht für alle,
Alphabetisierungsrate von 97%,
Säuglingssterblichkeitsrate bei 4,8% (Österreich: 4,2%, USA: 5,9%),
Lebenserwartung: 78 Jahre (Haiti: 62,8 J, Österreich: 80 J, USA: 78,6 J)
flächendeckende gratis medizinische Versorgung
Wohnbau, Lebensmittel, Strom- und Wasserversorgung
Die kubanischen Standards sind heute in vielen Punkten vergleichbar mit Westeuropa und das für ein „Entwicklungsland“.
Aber mehr noch als strukturelle Verbesserungen hat Fidel Castro eine völlig neue Moralvorstellung eingeführt, die Kuba in Lateinamerika und der ganzen Welt einzigartig macht. Er hat versucht seine Ideale der Menschheit in Kuba zu verwirklichen und diese basieren auf Gleichheit, Gerechtigkeit, Internationalismus und Solidarität.
Gleichheit im Sinne der formellen Gleichstellung aller Menschen in Kuba! Ohne strukturelle Diskriminierung! Alle haben das Recht auf Bildung, Gesundheit, Wohnraum, Arbeit, Essen und Selbstbestimmung.
Gerechtigkeit im Sinne eines gerechten Lohnsystems, einer staatlichen Regulierung, die Werte gerecht verteilt, eines demokratischen Systems, dass allen die Möglichkeit gibt ihre VertreterInnen direkt zu wählen und mitzubestimmen und einer unabhängigen Rechtsprechung und Gefängnissen ohne Folter.
Internationalismus im Sinne einer solidarischen und humanistischen Gemeinschaft, die auf den gleichen Werten beruht. ALBA ist ein erfolgreiches Beispiel in Lateinamerika, wie internationale Zusammenarbeit abseits von Profitinteressen und kapitalistische Machtansprüche, aussehen kann.
Solidarität im Sinne von Unterstützung von jenen die es benötigen. Wer schon mal in Kuba eine Autopanne hatte weiß, wovon ich rede. Das im Kleinen agiert Kuba auch im Großen solidarisch, sei es Katstrophenhilfe nach Hurricans, mit Ärzten auf der ganzen Welt, durch gratis Universitätsbildung in Kuba für Menschen aus Entwicklungsländern, etc.
Kuba hat Menschenrechte und Werte neu definiert. Fidel ging es um das Recht auf Gleichbehandlung, Bildung und Gesundheit – also um ein menschenwürdiges Dasein und einer Absicherung und damit auf die Freiheit nach seinen Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnissen zu leben. Wenn jetzt Menschen schreien, dass es Menschenrechtsverletzungen in Kuba gibt, dann verlange ich, dass wir von unserer eurozentristischen, westlich und kapitalistisch dominierten Sichtweise von Menschenrechte und Demokratie abgehen. Es gibt andere Konzepte und andere Zugänge – und Kuba hat andere Prioritäten gewählt. Das dies von VertreterInnen des kapitalistischen Systems kritisiert wird ist logisch, bringt es doch ihr Wertesystem in Gefahr, denn wenn die Menschen sehen, dass ein anderes Zusammenleben möglich und erfolgreich ist, könnten sie ja auf die Idee kommen, dies auch in ihren eigenen Ländern ein zu verlangen.
Fidel ist nicht nur für mich untrennbar vereint mit der kubanischen Identität, den neuen Werten und Grundsätzen, mit einer Nationenbildung und einem solidarischen, gerechten Staat mit starken Grundsätzen. Dafür steht dieser Name und das bedeutet Fidel für mich.
Was können wir von nun Fidel lernen…
Kuba befindet sich noch immer im Aufbau – noch immer in der Revolution. Und als eines der letzten Beispiele für den Versuch sozialistische Grundsätze und Ideen zu verwirklichen. Fidel sagte einmal, dass wir nie aufhören dürfen an unseren Idealen zu arbeiten und dafür zu kämpfen und in diesem Sinne möchte ich auch meine Rede mit einem Bezug ins heute beenden.
Wir haben heute nach wie vor Menschen, die nicht selbstbestimmt leben dürfen. Wir brauchen nicht weit gehen, um die Unterdrückung der KurdInnen und Kurden zu sehen. Hier gilt es im Sinne der internationalen Solidarität darum, diese Menschen dabei zu unterstützen, dass auch sie einmal sagen können – genauso wie es die KubanerInnen können – ich bin Kurdin, dies ist mein Land, ich kann mein Schicksal selbst bestimmen und ich bin stolz darauf. Und die KurdInnen können vom Beispiel Kubas, wie wir alle etwas mitnehmen. Die Fehler, die gemacht worden sind, nicht zu wiederholen und von den positiven Errungenschaften, die Teile übernehmen, die auf ihre Situation passen. Wie eine Gesellschaft, die auf der Basis von Gerechtigkeit, Solidarität, Internationalismus aussehen könnte, wie Werte und Ideale in einer Weise definiert werden können, die nicht von Profitinteressen und Ausbeutung geleitet werden. In Kuba war nicht alles perfekt, die kubanische Regierung und Fidel haben Fehler gemacht – natürlich denn sie sind auch nur Menschen… aber sie haben uns vorgelebt, dass es Wert ist für die Ideale und Träume zu kämpfen und das es möglich ist zu gewinnen. Gemeinsam in internationaler Solidarität können wir diesen Kampf überall auf der Welt gewinnen.
Ich möchte abschließen mit zwei Zitaten vom Commandante en Jefe, Fidel Castro Ruz: „Ich glaube weiterhin fest daran, dass eine bessere Welt möglich ist.“ „Die Ideen, für die ich das ganze Leben gekämpft habe, können nicht sterben und werden lange leben.“
Viva Cuba! Viva Fidel! Hasta la victoria siempre! Venceremos!

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