Cha-Cha-Cha-Revolution

tagesspiegel vom 31.12.2008

Die Cha-Cha-Cha-Revolution
In der Silvesternacht vor 50 Jahren fühlte sich Kuba frei – ein musikalischer Rückblick.

„Die Klänge eines Cha-Cha-Cha erhoben sich über das Getöse der Wellen.“ So beschreibt Miguel Barroso in seinem historischen Kriminalroman „Wiedersehen in Havanna“ die Silvesternacht 1958. Noch in den ersten Stunden des neuen Jahres setzte sich Diktator Fulgencio Batista samt Entourage und einem Großteil der Staatskasse in die Dominikanische Republik ab. Die Rebellen unter dem Kommando von Fidel Castro hatten gesiegt, Kuba fühlte sich frei. Dennoch: „Das Radio“, schreibt Barroso, „spielte abwechselnd Klassik und die Nationalhymne. Die übliche Tonunterlegung von Staatsstreichen und Revolutionen.“ Ein überschwänglicher Tanz in die Revolution war diese Nacht also wohl kaum – selbst wenn sie in vielen Filmen und Romanen so dargestellt wird.tagesspiegel081231

Tatsächlich waren zunächst nur wenige Kubaner über die neue Situation informiert. So hatte Obermafioso Meyer Lansky noch bis in die Morgenstunden des 1. Januar Zeit, die millionenschweren Gewinne aus Havannas größten Spielcasinos persönlich abzuschöpfen – bis er am 9. Januar mit mehreren Geldkoffern Kuba verließ. Erst gegen vier Uhr am Neujahrsmorgen 1959 zerstörte die Bevölkerung in ihrer Wut Parkuhren und Spielcasinos, deren Einnahmen bis dahin in die Tasche Batistas und seiner Freunde geflossen waren. Scheppern statt Rumbarasseln. Dennoch kam es in den Straßen der Hauptstadt lediglich zu vereinzelten Räubereien und Schießereien, darunter Übergriffe an prominenten Folterknechten der Diktatur. Und als am Folgetag schließlich die erste Kolonne bärtiger Guerilleros in Havanna eintraf, sprach Che Guevara von einer friedlichen Machtübernahme, von einer „Revolution mit Pachanga“. Das sollte eine Revolution mit musikalischem Rhythmus bedeuten, denn die Pachanga war zu jener Zeit auf Kuba der Modetanz: ein befreiter, ausgelassener, populärer Cha-Cha-Cha. Die Hoffnung richtete sich auch auf kulturelle Erneuerung. Am 6. Januar öffneten die Kinos aufs Neue, Fernseh- und Radiostationen sendeten wieder Programme.

Cuba Libre, das „freie Kuba“, befand sich vorübergehend im Rausch einer kollektiven Fiesta. Benny Moré, spektakulärer „Barbar des Rhythmus“, komponierte einen Tanzhit über den Sturz Batistas und dessen liegen gelassene Zigarre, der beliebte Crooner Rolando LaSerie sang: „Endlich ist Fidel gekommen“. Sogar die Boleros von Juan Almeida, Chef des Rebellenheeres in der Sierra Maestra, waren im Radio zu hören. Doch der quirlige Musikbetrieb wurde rasch von den neuen Machthabern gemaßregelt. Fortan blieb die Jukebox verboten, weil sie mit Lärm und Prostitution in Verbindung gesetzt wurde. Auftritte von Musikern unterlagen – und unterliegen bis heute – der strengen Kontrolle durch die Staatsorgane. Dazu erschien Propaganda im Sound des Cha-Cha-Cha: Pedro Justiz „Peruchin“ arrangierte Ende 1959 eine Hymne auf die umfassende Landreform im Big-Band-Gewand. Im Jahr darauf jedoch emigrierten seine sowie viele andere namhafte Musiker in die USA: Celia Cruz, die später als „Salsa-Queen“ verehrt worden ist, Bebo Valdes, Chico O’Farrill, Chocolate Armenteros, Rolando LaSerie, La Lupe oder Israel Lopez „Cachao“. Die politische Polarisierung hatte auch den Musikbereich erfasst – noch vor dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Kuba und den USA, der US-Invasion in der Schweinebucht und der Verkündung des „sozialistischen Charakters“ der Revolution durch Fidel Castro im Jahr 1961.

Auf Kuba kam die Pachanga rasch zum Erliegen. In New York dagegen erlebte sie erneuten Aufschwung und floss in den 60er Jahren neben dem Son Cubano und anderen Ingredienzien zu jenem Stilmix zusammen, der sich Salsa nennen sollte, auf Kuba zurückwirkte und bis heute einen ungeahnten Siegeszug um die Welt unternimmt. Der Jazz hingegen fristete auf Kuba jahrzehntelang ein Schattendasein, dem offiziellen Kulturbetrieb galt er als „Musik des Feindes“. Der Saxofonist Paquito D’Rivera, seit 1980 im Exil und diesjähriger Träger des Frankfurter Musikpreises, klagt: „Im Jazz sind Demokratie und individuelle Freiheit angelegt. Und das Regime in meinem Land verkörperte die genaue Antithese dazu.“

In letzter Zeit ist die politische Instrumentalisierung der Musik allerdings weitgehend zurückgenommen worden. Ausschlaggebend dafür war auch der internationale Erfolg des Buena Vista Social Club, dessen alte Musiker inzwischen genauso zu den Touristenattraktionen zählen wie die Oldtimer made in USA. Für die Kubaner selber hat der Buena Vista Social Club kaum eine Bedeutung. Nur für die Europäer entspricht es dem Bild, wie man die traditionellen Kubaner gerne sähe.

Die schnellere, aktuelle und jugendliche Variante der Salsa nennt sich Timba: ein modischer Mix aus schmetternden Trompeten, Sprechgesang und rhythmischer Repetition. So wird Manolito Simonet, einer der Timba-Pioniere, ausgerechnet im Hotel Riviera, der ehemaligen Trutzburg Meyer Lanskys, zur diesjährigen Silvestergala aufspielen. Nur die wummernden Bässe des Reggaetón, der in Havanna durch alle Häuserblocks tobt, sind noch mächtiger. Derzeit kommt auf Kuba keine Fiesta, keine offizielle Tanzveranstaltung ohne diesen Mix aus Hip-Hop, Salsa und Reggae aus. Zu den beliebtesten kubanischen Formationen gehören Control Cubano, El Medico und Klan Destino.

Doch zum 50. Jahrestag der Revolution ist die Stimmung gedämpft. Staatschef Raul Castro, dem pragmatischer Reformgeist nachgesagt wird, hat während der letzten Parlamentssitzung in diesem Jahr einschneidende Sparmaßnahmen angekündigt. Die ohnehin marode kubanische Wirtschaft ist von drei Hurrikanen, die jüngst über die Insel gefegt sind, nahezu demoliert. „Wir bauen weiterhin auf den Sozialismus“, lautet eine der vielen Durchhalteparolen. Wirkliche, zumal politische Reformen aber sind nicht in Sicht. Einen Schritt nach vorne, zwei zurück? Die Pachanga von einst, sie tanzte sich anders.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 31.12.2008)

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