Kuba 50 Jahre

neuesdeutschland Kuba 50 Jahre nach dem Sieg der Revolution
Schwieriger Eintritt in die Normalität
Von Rainer Schultz, Havanna, ND vom 31.12.2008

Am 1. Januar begeht Kuba den 50. Jahrestag seiner Revolution. Mehr als dieses Jubiläum bestimmten in diesem Jahr drei Themen die Straßengespräche in Havanna: Raúl Castro, Barack Obama und die Hurrikane.

Die offizielle Ernennung von Fidel Castros Bruder Raúl zum Regierungschef im Februar wurde mit Hoffnungen auf Veränderung verbunden. Auch die Wahl des USA-Demokraten gab Anlass zur Hoffnung: auf einen »Change« auch in den US-amerikanisch-kubanischen Beziehungen. Obama ist schließlich der erste Präsident, der ein Gespräch mit der kubanischen Regierung für möglich hält. »Schlimmer als Bush kann er ja nicht werden«, sagt Yamel de la Fuente, Soziologiestudent an der Universität Havanna. Fidel Castro warnte zwar jüngst vor einer »Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik aus dem Norden«, doch Raúl brachte selbst einen Austausch kubanischer Dissidenten gegen die seit zehn Jahren inhaftierten »Cuban Five« ins Gespräch.

In unregelmäßigen Abständen äußert Fidel seine als »Reflexionen« bezeichneten politischen Überlegungen, die in den Acht-Uhr-Nachrichten im Fernsehen verlesen und tags darauf in allen staatlichen Publikationen abgedruckt werden. Die legendären Fotos des bärtigen Revolutionsführers seien jedoch immer seltener zu sehen, weiß Arling Pompa aus ihrer Nachbarschaft in dem Arbeiterbezirk Centro Havanna zu berichten. Auffällig sind auch die Unterschiede im Auftreten der Brüder Castro. Fidels Reden waren meist improvisiert, fast immer sehr ausführlich, geschmückt mit Anekdoten und historischen Details. Und sie endeten obligatorisch mit »Patria o Muerte – Venceremos!« (Vaterland oder Tod – wir werden siegen!). Bruder Raúl dagegen fällt durch wohlüberlegte, aber kurze und pragmatische Aussagen auf. Seine jüngste Rede vor dem kubanischen Parlament endete: »Für das Jahr 2009 wünsche ich Gesundheit und viel Energie.«

Mit den USA will er vor allem über Handelsbeziehungen reden. Schon jetzt sind die USA Kubas größter Lebensmittellieferant. Nicht nur die USA-Agrarlobby macht Druck auf weitere Embargo-Lockerungen. Kubas Nickel, die Erdölfunde vor den Küsten der Insel, die Biotechnologie und der Tourismus, lassen das jahrzehntelange Embargo auch in den USA als störenden Anachronismus erscheinen, sagt Gustav Menéndez vom Zentrum zum Studium der kubanischen Wirtschaft. Das Problem sei jedoch, so Dr. Ismael Cuevas, der im Verkehrswesen arbeitet, ein potenzieller ziviler Einmarsch der US-Amerikaner. Reisten bisher jährlich etwa zwei Millionen Touristen auf die Insel, darunter fast 100 000 US-Amerikaner, so könnte diese Zahl, wenn Reisebeschränkungen fallen sollten, auf vier Millionen steigen. »Darauf sind wir nicht vorbereitet«, fürchtet Cuevas, »weder infrastrukturell noch ideologisch. Denn die Touristen bringen zwar einen Großteil der dringend benötigten Devisen, aber auch andere Werte und Konsumnormen.«

Am schwersten liegt den Kubanern jedoch das dritte Thema – die Hurrikane Gustaf, Ike und Paloma, die im September und Oktober über die Insel fegten – auf dem Magen. Zehntausende verloren ihr Haus, fast eine halbe Million Behausungen wurden zerstört oder beschädigt. Wohl wäre anderswo der Schaden weitaus größer ausgefallen – die Vorsorgemaßnahmen auf Kuba sind nun mal einzigartig. Doch die privaten Kleinmärkte sahen wochenlang so trist aus wie zu den dunkelsten Zeiten der »Spezialperiode«. Grundnahrungsmittel wie Milch, Eier und Fleisch, die den Kubanern durch die Lebensmittelkarte theoretisch garantiert sind, waren einfach nicht zu haben. »Schau dir meine Lebensmittelkarte an«, sagt Monica Gutierrez, während sie schwitzend in der Schlange vor einer Bodega steht. »Sie ist fast leer.« Üblicherweise werden die Lebensmittel, die man zu stark subventionierten Preisen kauft, in der Karte abgehakt.

Zeitweise sah sich der Staat gezwungen, Kleinbauern und Händlern Höchst- und Festpreise vorzuschreiben, um eine Mindestversorgung zu gewährleisten und Spekulation zu verhindern. Szenen wie diese auf dem Gemüsemarkt in Vedado waren nicht selten: »Was, 20 Peso wollt ihr für einen Bund grüne Bohnen haben?«, raunzt eine ältere Hausfrau den dickbäuchigen Verkäufer an. »Letzte Woche haben sie noch die Hälfte gekostet, unglaublich, ihr seid Verbrecher!« Der Verkäufer bellt zurück: »Du musst sie ja nicht kaufen«, und tütet die Ware gelassen dem Besitzer eines Privatrestaurants ein. Inzwischen hat sich die Lage verbessert, mit Hilfe eines Reifebeschleunigers wurden die Ernten vorverlegt.

Wirbelsturm der Reformen

Während die internationale Krise des Kapitalismus Kuba insgesamt weniger direkt berührt, verpassten die Hurrikane und die Energiepreise den Wachstumserwartungen erhebliche Dämpfer. Wirtschaftsminister José Luís Rodríguez musste die Wachstumsprognose von 8 auf 4,3 Prozent stutzen. Einbußen bei den Exporteinnahmen und ein Anstieg der Importausgaben um 44 Prozent, vor allem für Lebensmittel, brachten den Haushalt aus dem Gleichgewicht. Raúl Castro am Sonnabend: Kein Staat könne es sich leisten, auf Dauer über seine Verhältnisse zu leben. Er kündigte Kosteneinsparungen und das Ende der unterschiedslosen Subventionierung von Gütern und Dienstleistungen für jeden Kubaner an. Ohnehin sei die Gesellschaft seit den Reformen der 90er Jahre differenzierter und ungleicher geworden, schreibt Mayra Espina vom Sozialforschungsinstitut CIPS. Die Einkommensungleichheit habe sich seit Anfang der 90er etwa verdoppelt.

Unter Fidel waren seinerzeit »Maßnahmen, die uns zuwider sind« – Dollarlegalisierung, ausländische Investitionen, Privatinitiative – in der Hoffnung eingeführt worden, sie in besseren Zeiten wieder rückgängig machen zu können. Die Regierung Raúl Castros dagegen erkennt sie als Realität an und versucht, die daraus erwachsenden Probleme unter Wahrung sozialer Gerechtigkeit zu lösen. Dies ist ein widersprüchlicher Prozess. Den einen, vor allem vielen von Strukturänderungen Betroffenen, geht er zu weit. Anderen, Kleinhändlern und ihren Kunden etwa, geht er nicht weit genug.

Die Landreform wird weithin begrüßt, weil sie hilft, die Versorgungslage zu verbessern. Die schwierige Reform des Lohnsystems, der doppelten Währung und andere strukturelle Maßnahmen stehen noch aus. Am vergangenen Wochenende erst verabschiedete das Parlament eine lange debattierte Reform des Arbeitsgesetzes. Angesichts einer überdurchschnittlich alten Bevölkerung müsse die Lebensarbeitszeit um fünf Jahre erhöht werden, um das Sozialsystem weiter finanzieren zu können. Das Renteneintrittsalter liegt nun – mit vielen Ausnahmen – bei 65 Jahren für Männer und bei 60 Jahren für Frauen. Nach 30 Jahren Arbeit kann ein Kubaner 60 Prozent seines Lohns als Rente beanspruchen, für jedes weitere Jahr gibt es 2 Prozent mehr.

Die Revolution ist präsent in Kuba, zum Jahrestag sind die Straßen mit riesigen Flaggen geschmückt, das offizielle Plakat zeigt ein Foto Fidels mit Glückwünschen zum Feiertag. Doch spektakuläre Massenkundgebungen wird’s nicht geben.

Musik aus allen Ecken

Die Schlangen am kleinen Laden an der Ecke werden derweil täglich länger: Jeder möchte etwas Besonderes kaufen für die Silvesterfeier, die traditionell mit einem Essen im Kreis der Familie begangen wird. »Das wichtigste haben wir deshalb auf einen Stand nach draußen verlagert«, erklärt Sergio, der Verkäufer: Suppenpulver, Bier, Schaumwein und Süßigkeiten werden hier für konvertible Pesos feilgeboten.

Schüler, Studenten und viele andere sind ohnehin seit Weihnachten jeden Abend auf der Straße. Die Rocker auf der Avenida de los Presidentes, die Homo- und Transsexuellen an der Rampa, vor allem Afrokubaner treffen sich am Malecón. Seit der Papstbesuch 1998 den Kubanern wieder den Weihnachtsfeiertag bescherte, genießen fast alle die Ferienzeit bis zum 5. Januar.

Die Uferpromenade wird jeden Abend für den Verkehr gesperrt, denn tausende junge Leute zieht es zu den Rock- und Reggaeton-Konzerten auf der »antiimperialistischen Tribüne« neben der Interessenvertretung der USA. Man tanzt und trinkt bis nach Mitternacht, Musik schallt aus allen Ecken, fast jedes Restaurant, jedes Bürohaus, jede Werkstatt hat etwas organisiert. Wie die vergilbten Sprüche aus den 60er Jahren noch heute an vielen Fenstern proklamieren: »En cada barrio revolución« – in jedem Viertel Revolution.

 

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